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Hürden machen kreativ - Wie wir gemeinsam Herausforderungen im Studium mit Behinderung begegnen

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📚 Student Voices Die Referent:innen machten den „unbezahlten Vollzeitjob“ aus Bürokratie und Gesundheitsmanagement sowie das notwendige Energiemanagement (Spoon-Theory) als unsichtbare, erschöpfende Zusatzbelastung neben dem Studium sichtbar. Durch das Projekt „Barriere:frei:zeit“ zeigten sie auf, wie Peer-Netzwerke durch kreative, niedrigschwellige Formate wie hybride Treffen oder Body-Doubling strukturelle Lücken der Hochschule schließen.

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Zusammenfassung

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Kontext

Die Diskussion thematisierte die strukturellen, sozialen und lehrbezogenen Barrieren, mit denen Studierende mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und Neurodivergenzen im Studienalltag konfrontiert sind. Im Mittelpunkt stand das peerbasierte Projekt „Barriere:frei:zeit“, das 2022 von betroffenen Studierenden ins Leben gerufen wurde, um Vernetzung, Austausch und kreative Lösungsansätze für inklusive Lehr- und Freizeitformate zu fördern.

Zentrale Fragestellungen:

  • Wie lässt sich eine inklusive Lehrveranstaltung gestalten?
  • Welche unsichtbaren Hürden prägen den Studienalltag betroffener Studierender?
  • Wie können Hochschulen und Kommiliton:innen die Sichtbarkeit und Teilhabe marginalisierter Studierender stärken?
  • Welche Rolle spielen Peer-Netzwerke und hybride Formate bei der Überwindung von Barrieren?

Kernaussagen

1. Barrieren im Studienalltag: Dimensionen und Beispiele

Die Referent:innen unterschieden drei zentrale Bereiche, in denen Barrieren auftreten:

a) Gebäude und Gelände

  • Physische Barrieren:
    • Fehlende Rampen, defekte Fahrstühle, lange Wege, Kopfsteinpflaster und schwere Türen erschweren die Mobilität für Rollstuhlfahrer:innen oder Studierende mit chronischen Schmerzen.
    • Beispiel: Die „Pawlow’sche Tür“ (Marlon Schwarze) – eine schwergängige Tür zur Hochschulambulanz, die für Rollstuhlfahrer:innen nur mit Begleitung nutzbar ist.
  • Sensorische Barrieren:
    • Fehlende taktile Leitsysteme, Stufenmarkierungen oder Braille-Beschriftungen behindern sehbehinderte und blinde Studierende.
    • Beispiel: Unmarkierte Treppenstufen in schlecht beleuchteten Treppenhäusern (Jojo Petters).
  • Planungsdefizite:
    • Barrierefreiheit wird in Bauprojekten oft nachrangig behandelt („Denkmalschutz“ als Argument).

b) Lehre

  • Didaktische Barrieren:
    • Unzugängliche Lehrmaterialien (z. B. Folien ohne Bildbeschreibungen, Tafelanschrieb) benachteiligen sehbehinderte Studierende.
    • Mündliche Prüfungen oder Vorträge stellen Hürden für neurodivergente, hörbehinderte oder taube Studierende dar.
  • Organisatorische Barrieren:
    • Anwesenheitspflichten, Blockseminare (z. B. siebenstündige Veranstaltungen) und unflexible Praktikumszeiträume sind für chronisch kranke Studierende oft unvereinbar.
    • Beispiel: Hybride Zugänge zu Seminaren wurden als Lösung genannt (Marlon Schwarze).
  • Gesundheitliche Risiken:
    • Fehlende Infektionsschutzkonzepte in vollen Hörsälen gefährden immunsupprimierte Studierende.
    • Überstimulierende Lehrräume (Lärm, Licht) belasten neurodivergente Studierende.

c) Soziales Zusammenleben

  • Räumliche Barrieren:
    • Unübersichtliche Mensen oder fehlende Rückzugsräume erschweren die Teilhabe für neurodivergente Studierende oder Menschen mit chronischen Erkrankungen (z. B. Epilepsie).
  • Informationsbarrieren:
    • Fehlende zentrale Informationsquellen zu Nachteilsausgleichen oder barrierefreien Räumen.
  • Soziale Isolation:
    • Ableismus-Erfahrungen und die Scheu, individuelle Bedarfe anzusprechen, führen zu Vereinsamung (Jojo Petters).

2. Unsichtbare Hürden: Der „unbezahlte Vollzeitjob“ neben dem Studium

Beide Referent:innen betonten, dass neben den sichtbaren Barrieren zusätzliche Belastungen den Alltag prägen:

  • Energiemanagement („Spoon-Theory“):
    • Chronisch kranke oder behinderte Studierende müssen ihre begrenzte Energie täglich einteilen, um Symptome zu managen.
  • Bürokratie und Gesundheitsmanagement:
    • Zeitintensive Verhandlungen mit Ämtern, Krankenkassen oder Kliniken (z. B. für Therapien) binden Ressourcen.
  • Unvorhersehbarkeit:
    • Defekte Fahrstühle, ausgefallene Assistenz oder akute Krankheitsschübe erfordern ständige Planungsreserven.
  • Psychische Belastung:
    • Die Angst, Bedarfe anzusprechen, und die Erfahrung struktureller Benachteiligung führen zu Unsicherheit (Jojo Petters: „Es kostet Überwindung, nach anderen Betroffenen zu fragen“).

3. Lösungsansätze: Kreativität und Peer-Unterstützung

a) Das Projekt „Barriere:frei:zeit“

  • Ziele:
    • Vernetzung betroffener Studierender aus Berlin und Brandenburg durch niedrigschwellige Angebote (Workshops, Ausflüge).
    • Entwicklung barrierearmer Formate, die auf individuelle Bedürfnisse eingehen.
  • Beispiele für inklusive Formate:
    • Freiluftkino:
      • Alternative zum klassischen Kino: Liegestühle für Menschen mit chronischen Schmerzen, Kopfhörer-System zur Reduzierung von Reizüberflutung, infektionssichere Umgebung.
    • Hybride Treffen:
      • Nutzung digitaler Tools (z. B. Videokonferenzen), um Mobilitätseinschränkungen auszugleichen.
    • „Body-Doubling“ und Coworking:
      • Gemeinsames Lernen in virtuellen Räumen, um exekutive Dysfunktionen zu überwinden (Jojo Petters).

b) Empfehlungen für Hochschulen und Lehrende

  • Flexibilisierung der Lehre:
    • Hybride Zugänge zu Seminaren und Prüfungen (Marlon Schwarze: „Digitale Medien nutzen, um Präsenzpflichten zu lockern“).
    • Aufhebung starrer Sitzordnungen (Jojo Petters: „Es geht um Mitarbeit, nicht um korrektes Sitzen“).
  • Zwei-Sinne-Prinzip:
    • Lehrinhalte für mindestens zwei Sinne aufbereiten (z. B. Vortrag + Skript + Bildbeschreibungen).
  • Kommunikation von Offenheit:
    • Explizite Einladung, individuelle Bedarfe anzusprechen (z. B. sensorische Hilfsmittel wie Gehörschutz oder Fidget-Toys).
  • Vernetzung fördern:
    • Studierende ermutigen, sich gegenseitig zu unterstützen (Marlon Schwarze: „Community-Wissen über ‚Tricks und Kniffe‘ ist oft effektiver als offizielle Beratung“).

c) Handlungsempfehlungen für Beratende

  • Studierende einbeziehen:
    • Direkte Rücksprache mit betroffenen Studierenden, um praxisnahe Lösungen zu entwickeln (Marlon Schwarze: „Fragt in der Community nach, was funktioniert!“).
  • Entmutigung vermeiden:
    • Keine pauschalen Empfehlungen gegen bestimmte Studiengänge, sondern individuelle Wege aufzeigen (Jojo Petters: „Zusammenarbeit mit Lehrenden, um Barrieren abzubauen“).

Offene Fragen

  • Skalierbarkeit von Peer-Projekten:
    • Wie lassen sich lokale Initiativen wie „Barriere:frei:zeit“ auf andere Hochschulen übertragen, ohne die Ressourcen der Ehrenamtlichen zu überlasten?
  • Finanzierung und Institutionalisierung:
    • Welche strukturellen Veränderungen (z. B. feste Stellen für Inklusionsbeauftragte) sind nötig, um nachhaltige Barrierefreiheit zu gewährleisten?
  • Sichtbarkeit von Neurodivergenz:
    • Wie können unsichtbare Behinderungen (z. B. psychische Erkrankungen) stärker in Hochschulkonzepten berücksichtigt werden?
  • Rechtliche Grauzonen:
    • Wie lassen sich unklare Regelungen (z. B. zu Nachteilsausgleichen) bundesweit vereinheitlichen?

Ergebnis

Die Diskussion zeigte, dass Inklusion im Studium ein mehrdimensionaler Prozess ist, der bauliche, didaktische und soziale Aspekte umfasst. Zentrale Erkenntnisse:

  1. Barrierefreiheit ist kein Nischenthema:
    • Viele Hürden (z. B. unflexible Studienpläne, fehlende Rückzugsräume) betreffen auch nicht-behinderte Studierende – Inklusion kommt allen zugute.
  2. Peer-Netzwerke als Schlüsselfaktor:
    • Projekte wie „Barriere:frei:zeit“ demonstrieren, wie Community-Wissen und kreative Formate strukturelle Lücken schließen können.
  3. Kleine Änderungen mit großer Wirkung:
    • Einfache Maßnahmen (z. B. hybride Lehre, Zwei-Sinne-Prinzip) können die Teilhabe deutlich verbessern, erfordern aber eine proaktive Haltung von Lehrenden und Hochschulleitungen.
  4. Handlungsaufforderung an die Zuhörenden:
    • Die Referent:innen appellierten an das Publikum, Offenheit zu kommunizieren, Vernetzung zu fördern und sich für strukturelle Veränderungen einzusetzen.

Take-Home-Messages der Referent:innen:

  • „Kommuniziert eure Offenheit für individuelle Bedarfe – Studierende trauen sich sonst nicht, sie anzusprechen.“ (Jojo Petters)
  • „Nutzt die Expertise der Community: Fragt betroffene Studierende, was für sie funktioniert.“ (Marlon Schwarze)

Diagramm

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100%
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  root)Hürden machen kreativ - Studium mit Behinderung(
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