Kontext
Die Fishbowl-Diskussion bildete den Abschluss eines Festivaltags zum Thema „Innovative Learning“. Ziel war es, zentrale Erkenntnisse des Tages aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren und zu diskutieren. Teilnehmer:innen waren Hochschulvertreter:innen, Studierende sowie das Publikum. Im Fokus standen die Notwendigkeit eines didaktischen Wandels, die Rolle der Hochschule als Begegnungsort und der Umgang mit digitalen Kompetenzen sowie KI in der Lehre.
Kernaussagen
1. Didaktischer Shift: Von passivem zu aktivem Lernen
- Dringender Handlungsbedarf: Traditionelle Frontalvorlesungen führen zwar zu hoher Zufriedenheit bei Studierenden, aber zu geringem Lernzuwachs (Studien von Freeman et al. 2014, Laurillard 2019).
- Beispiel: Projektbasiertes Lernen ist anstrengender, führt jedoch zu signifikant besseren Lernergebnissen.
- Kommunikation als Schlüssel: Studierende müssen aktiv in den Wandel einbezogen werden, um die Vorteile aktivierender Lehrformate (z. B. Flipped Classroom) zu verstehen.
- Herausforderung: Viele Studierende wünschen sich weiterhin passive Lernformate („Berieselung“).
2. Hochschule als Begegnungsort und Kulturraum
- Sozialer Austausch als Lernfaktor: Lernen findet nicht nur in Lehrveranstaltungen statt, sondern vor allem im informellen Austausch zwischen den Veranstaltungen.
- Problem: Aktuell fehlen oft Räume und Gelegenheiten für diesen Austausch (z. B. Kaffeepausen, offene Seminare).
- Pandemie-Folgen: Die Erfahrung von Isolation während der Pandemie hat die Bedeutung physischer Begegnungsorte verstärkt.
- Forderung: Hochschulen müssen gezielt als Orte der Begegnung gestaltet werden, um nachhaltiges Lernen zu fördern.
3. Kokreation in der Lehrentwicklung
- Gemeinsame Gestaltung: Lehrformate sollten im Team aus Lehrenden, Studierenden und Mitarbeiter:innen entwickelt werden.
- Beispiel: Das Format „Lehrlabor hoch³“ an der UTN Nürnberg zeigt, dass Studierende als „kreative Köpfe“ wertvolle Perspektiven einbringen.
- Vorteile:
- Höhere Motivation der Studierenden, da ihre Bedürfnisse direkt berücksichtigt werden.
- Abbau von Vorbehalten zwischen Statusgruppen (z. B. Datenschutzbedenken bei Learning Analytics).
4. Rollenwechsel: Schule vs. Hochschule
- Kommunikationsbedarf: Der Übergang von der Schule zur Hochschule erfordert intensive Aufklärung über neue Lernformen (z. B. Vorbereitung im Flipped Classroom).
- Herausforderung: Internationale Studierende oder Studienanfänger:innen wissen oft nicht, was „aktives Lernen“ konkret bedeutet.
- Lösungsansatz: Klare Anleitungen und Anreize (z. B. Punktevergabe für Vorbereitungsaufgaben) können die Motivation steigern.
- Selbstverständnis der Lehrenden: Lehrende müssen sich als Lernbegleiter:innen verstehen und Lernumgebungen aktiv motivierend gestalten.
5. Digitale Kompetenzen und KI in der Lehre
- Kritik am „Digital Natives“-Mythos:
- Digitale Kompetenzen und Reflexionsfähigkeit sind nicht automatisch vorhanden und müssen explizit vermittelt werden.
- Beispiel: Studierende nutzen KI-Tools wie ChatGPT, können aber Halluzinationen oft nicht erkennen.
- Strategischer Umgang mit KI (Two-Lane Approach):
- Aufgaben sollten sowohl mit als auch ohne KI-Tools bearbeitet werden, um Basiswissen zu sichern und KI-Literacy zu schulen.
- Ziel: Studierende sollen lernen, KI-Outputs kritisch zu bewerten und effektiv zu nutzen.
- Anreizsysteme: Gamification-Elemente (z. B. Punkte für Vorbereitungsaufgaben) können die Nutzung digitaler Tools fördern.
Fazit
Die Diskussion unterstrich die Notwendigkeit eines kollaborativen und kommunikativen Wandels in der Hochschullehre:
- Lehrende müssen aktivierende Lehrformate umsetzen und Studierende als Partner:innen in der Lehrentwicklung einbinden.
- Studierende sollten über die Vorteile neuer Lernmethoden aufgeklärt und motiviert werden, sich aktiv einzubringen.
- Hochschulen müssen sich als Begegnungsorte neu erfinden, um informellen Austausch und nachhaltiges Lernen zu ermöglichen.
- Digitale Kompetenzen und KI erfordern eine duale Strategie: Grundlagenwissen sichern und gleichzeitig KI-Literacy fördern.
Handlungsempfehlung:
- Pilotprojekte wie „Lehrlabor hoch³“ oder KI-Literacy-Kurse ausbauen.
- Regelmäßige Fishbowl-Formate etablieren, um den Dialog zwischen allen Statusgruppen zu institutionalisieren.
- Anreizsysteme (z. B. Gamification) nutzen, um die Vorbereitung auf Lehrveranstaltungen zu steigern.