Kontext
Der Vortrag beleuchtet das kooperative Transfermodell der Co-Creation Labs im Saxony5-Verbund, einem Zusammenschluss von fünf sächsischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Angesichts komplexer gesellschaftlicher und technologischer Transformationsaufgaben stößt der klassische, lineare Wissenstransfer von Hochschulen in die Praxis an Grenzen. Saxony5 setzt stattdessen auf rekursiven Transfer, bei dem externe Partner:innen (Unternehmen, Gesellschaft) bereits in die Forschungsphase eingebunden werden. Ziel ist es, hochschulübergreifende Synergien zu nutzen, ohne die institutionelle Eigenständigkeit der Partner zu gefährden.
Kernaussagen
1. Rekursiver Transferansatz: Bedarfe der Praxis früh integrieren
- Problem des linearen Transfers: Klassische Modelle gehen von einer einseitigen Wissensvermittlung aus (Hochschule → Praxis), ignorieren jedoch die tatsächlichen Bedürfnisse von Unternehmen und Gesellschaft. Dies führt zu Forschungsergebnissen, die an den Anforderungen vorbeigehen.
- Lösung: Im Saxony5-Verbund fließen die Perspektiven externer Partner:innen bereits in die Forschungsplanung ein. Beispiel: Statt isoliert zu forschen, fragen die Hochschulen aktiv nach, welche Themen für die Industrie relevant sind.
- Effekt: Höhere Passgenauigkeit der Ergebnisse und stärkere Akzeptanz in der Praxis.
2. Co-Creation Labs als vernetzte Kompetenzplattformen
- Definition: Die Labs sind keine physischen Räume, sondern feste Personenkreise aus Hochschulvertreter:innen und externen Partner:innen, die sich regelmäßig zu spezifischen Themen (z. B. „Fabrik der Zukunft“, „Vernetzte Mobilität“) austauschen.
- Ziel: Systematische Erfassung und Nutzung der komplementären Kompetenzen der Verbundpartner. Beispiel: Eine Hochschule verfügt über Expertise im 3D-Druck von Metall, eine andere im Kunststoffbereich – Anfragen werden gezielt weitergeleitet.
- Ergebnis:
- Keine Ablehnung von Industrieanfragen mehr, da der Verbund Lücken durch Partnerkompetenzen schließt.
- Transparenz über Stärken und Schwächen der einzelnen Hochschulen, was Doppelarbeit vermeidet.
3. Strategische Verankerung und Governance als Erfolgsfaktor
- Top-down-Initiierung: Das Projekt wurde von den Hochschulleitungen (Prorektor:innen) gestartet und ist in einer gemeinsamen Transferstrategie verankert. Dies erhöht die Verbindlichkeit und politische Schlagkraft.
- Lenkungskreis: Die Prorektor:innen sind aktiv in die Steuerung eingebunden und überwachen die Einhaltung der Projektziele.
- Dienstleistungskluster: Unterstützende Strukturen wie „Pro Transfer Change Management“ schulen Mitarbeiter:innen und Professor:innen im Transfer-Mindset, während der „Mediale Wissens- und Technologietransfer“ innovative Formate (z. B. VR-Filme) entwickelt, um Wissen erlebbar zu machen.
4. Spannungsfeld Kooperation vs. Konkurrenz: Gentlemen’s Agreements
- Herausforderung: Hochschulen konkurrieren um lokale Unternehmen, Studierende und Fördermittel, was Kooperationen erschwert.
- Lösung:
- Klare Abgrenzung der Forschungsschwerpunkte durch informelle Vereinbarungen („Gentlemen’s Agreements“).
- Beispiel: Wenn zwei Hochschulen ähnliche Kompetenzen haben, wird definiert, wer welche Themen besetzt, um Konflikte zu vermeiden.
- Vorteil: Ermöglicht Ressourcenteilung (z. B. Labore, Netzwerke) ohne Verlust der institutionellen Identität.
5. Die menschliche Komponente: Sympathie und Vertrauen als Schlüssel
- Technische vs. soziale Infrastruktur: Trotz digitaler Plattformen und Matching-Tools ist die persönliche Beziehung zwischen Transferbeauftragten entscheidend.
- Erfolgsfaktor: Engagierte, sympathische Akteur:innen treiben den Austausch voran – selbst bei fachlicher Nähe scheitert die Zusammenarbeit, wenn die Chemie nicht stimmt.
- Risiko: Fehlende Sympathie führt zu geringerer Kooperationsbereitschaft, selbst bei formalen Strukturen.
- Praktische Konsequenz: Der Aufbau von Netzwerken muss aktiv forciert werden (z. B. durch regelmäßige Treffen), da er nicht „nebenbei“ entsteht.
6. Transfer durch Erlebbarkeit: Innovative Formate für die Praxis
- Problem: Klassische akademische Formate (Vorträge, Papers) erreichen die Industrie oft nicht.
- Lösungsansätze:
- Interaktive Formate: Beispielsweise eine Outdoor-Filmvorführung, bei der Zuschauer:innen durch Fahrradtreten den Strom für die Projektion selbst erzeugen – kombiniert Wissenstransfer mit physischer Erfahrung.
- VR-Filme: Virtuelle Einblicke in Forschungsprozesse (z. B. „Innenleben einer Hefezelle“) machen abstrakte Themen greifbar.
- Künstlerische Formate: Modenschauen von Design-Studierenden oder Gebärdensprach-Chöre schaffen emotionale Zugänge und erhöhen die Sichtbarkeit der Hochschulen.
Fazit
Der Saxony5-Verbund zeigt, dass hochschulübergreifender Transfer dann gelingt, wenn:
- Externe Partner:innen früh eingebunden werden (rekursiver Ansatz),
- Kompetenzen transparent gemacht und geteilt werden,
- Strategische Verankerung (Hochschulleitung, gemeinsame Strategie) und klare Governance die Zusammenarbeit strukturieren,
- Konkurrenz durch Absprachen entschärft wird und
- Persönliche Beziehungen und erlebbare Formate den Wissenstransfer tragen.
Handlungsempfehlungen für andere Hochschulverbünde:
- Netzwerke aktiv aufbauen: Regelmäßige Treffen und Austauschformate etablieren, um Vertrauen zu schaffen.
- Kompetenzen systematisch erfassen: Tools oder Datenbanken nutzen, um Stärken der Partner sichtbar zu machen.
- Innovative Transferformate testen: Über klassische Formate hinausgehen und interaktive, emotionale Zugänge entwickeln.
- Hochschulleitungen einbinden: Transferprojekte müssen Chefsache sein, um Verbindlichkeit und Ressourcen zu sichern.
- Konflikte proaktiv managen: Klare Absprachen treffen, um Konkurrenzsituationen zu vermeiden.
Der Vortrag unterstreicht, dass Transfer kein Selbstläufer ist, sondern gezielte Strukturen, menschliche Faktoren und kreative Methoden erfordert – aber im Verbund deutlich wirksamer gelingt als im Alleingang.