Kontext
Die Live-Folge des Lehrfunk-Podcasts widmet sich der Frage, wie physische Lernräume an Hochschulen gestaltet sein müssen, um moderne, aktivierende und studierendenzentrierte Lehre zu unterstützen. Als inhaltliche Grundlage dient das SCALE-UP-Konzept (Student-Centered Active Learning Environment with Upside-down Pedagogies), das Raumgestaltung und Didaktik gezielt auf kollaboratives Lernen ausrichtet. Die Diskussion beleuchtet praktische Erfahrungen, Herausforderungen und Ansatzpunkte für Veränderungen – von der Symbolwirkung innovativer Räume bis zur notwendigen organisatorischen Unterstützung.
Kernaussagen
1. Wechselwirkung von Raum und Didaktik
- Raum als aktiver Gestaltungsfaktor: Die physische Umgebung ist kein neutraler Rahmen, sondern beeinflusst maßgeblich, ob Lehrformate wie Frontalunterricht oder aktivierende Methoden unterstützt werden.
- Beispiel: Starre Möblierung und frontale Ausrichtung behindern Interaktion und Gruppenarbeit.
- Symbolwirkung: Innovative Räume signalisieren Studierenden und Lehrenden, dass hier „anders gelernt“ wird, was die Akzeptanz für neue Methoden erhöht.
2. Das SCALE-UP-Konzept in der Praxis
- Grundprinzipien:
- Kein festes „Vorne“: Runde Tische und dezentrale Monitore brechen Hierarchien auf und fördern Kommunikation.
- Flexible Nutzung: Der Raum ermöglicht Inputphasen, Gruppenarbeit oder Einzelreflexion – ohne Umbauten.
- Erfahrungen aus Augsburg:
- Studierende zeigen sich zunächst irritiert („Wo ist die Tafel?“), passen sich aber schnell an und schätzen die niedrigschwellige Interaktion.
- Lehrende berichten von einer automatischen Verschiebung hin zu mehr Aktivitätsanteilen in der Lehre.
- Technische Einfachheit: Der Raum kommt ohne hochkomplexe Technik aus – entscheidend ist die Anordnung der Möbel.
3. Flexibilitätsstrategien für Lernräume
- Zwei Gestaltungsansätze:
- Statische Settings („interpretierbare Archetypen“):
- Runde oder inselförmige Tische als feste Einheiten, die je nach Methode unterschiedlich genutzt werden (z. B. Einzelarbeit vs. Gruppenarbeit).
- Flexibilität entsteht durch Medientechnik (z. B. Schaltung von Bildschirmen).
- Dynamische Settings:
- Möbel auf Rollen ermöglichen schnelle Umgestaltung (z. B. für Gruppenarbeit oder Präsentationen).
- Detailwissen ist entscheidend:
- Beispiel: Bei hohen Stehtischen müssen Fußstützen und ergonomische Stühle mit Rückenlehne vorhanden sein, um physische Belastung zu vermeiden.
- Fehlende Kleinigkeiten (z. B. nicht rollbare Stühle) können die Nutzung aktivierender Formate erschweren.
4. Rollenwandel der Lehrenden
- Vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter:
- In SCALE-UP-Räumen agieren Lehrende auf Augenhöhe mit Studierenden – etwa durch gemeinsames Sitzen an runden Tischen.
- Die Rolle verschiebt sich hin zu Moderation und Begleitung von Lernprozessen.
- Herausforderungen:
- Lehrende müssen ihre Haltung anpassen (z. B. Akzeptanz, dass Studierende „hinter“ ihnen sitzen).
- Widerstand entsteht weniger gegen den Raum selbst als gegen methodische Veränderungen (z. B. Flip Classroom in großen Gruppen).
- KI als Verstärker: Künstliche Intelligenz könnte zukünftig Lernbegleitung skalierbar machen (z. B. durch digitale Assistenten), was die Rolle der Lehrenden weiter verändert.
5. Organisatorische Unterstützung als Erfolgsfaktor
- Fehlende Prozesse als Hürde:
- Innovative Räume entstehen oft durch individuelles Engagement (z. B. Lehrende, die Räume selbst umgestalten), nicht durch institutionalisierte Abläufe.
- Beispiel: An der TH Augsburg ermöglichte erst ein neues Gebäude und die Unterstützung des Dekans die Umsetzung.
- Notwendige Strukturen:
- Cocreation-Prozesse: Räume sollten gemeinsam mit Lehrenden, Studierenden und Raumgestalter:innen entwickelt werden (z. B. durch Testphasen in Turnhallen).
- Onboarding und Begleitung: Lehrende benötigen Schulungen und Unterstützung bei der methodischen Anpassung (z. B. durch Didaktikzentren oder Facility Management).
- Beispiel Wien: Erfolgreiche Einführung aktivierender Räume an einer Berufsschule gelang nur durch kontinuierliche Begleitung der Lehrkräfte.
6. Präsenzlehre stärken: Räume als Motivationsfaktor
- Sinkende Präsenz als Herausforderung:
- Trotz steigender Studierendenzahlen gehen weniger Studierende in Präsenzveranstaltungen – oft aufgrund mangelnder Attraktivität im Vergleich zu digitalen Alternativen.
- Lösungsansätze:
- Konkurrenzfähigkeit erhöhen: Präsenzlehre muss Erlebnisqualität bieten (z. B. durch Interaktion, soziale Kontakte).
- Räume als Katalysator: Innovative Lernumgebungen können die Hemmschwelle für Präsenz senken, indem sie z. B. spontane Zusammenarbeit ermöglichen.
- Zitat Svea Schauffler: „Der Weg an die Hochschule muss sich lohnen.“
7. Zukunftsperspektiven: KI und Emanzipation
- KI als Game-Changer:
- Künstliche Intelligenz wird Lerninhalte (z. B. durch adaptive Agenten) und Lehrformate (z. B. digitale Coaches) verändern.
- Aktivierende Lehre könnte durch KI-Unterstützung skalierbarer und erschwinglicher werden.
- Emanzipation der Lernenden:
- Das Bildungssystem sollte Bevormundung reduzieren und Studierenden mehr Autonomie in Lernprozessen ermöglichen (z. B. durch selbstgesteuerte Projektarbeit).
Fazit
Innovative Lernräume sind ein zentraler Hebel für zeitgemäße Hochschullehre, aber ihre Wirkung entfaltet sich nur im Zusammenspiel mit:
- Didaktischer Anpassung: Lehrende müssen aktivierende Methoden nutzen und ihre Rolle neu definieren.
- Organisatorischer Verankerung: Hochschulen benötigen Prozesse für Planung, Begleitung und Evaluation neuer Räume.
- Kulturellem Wandel: Räume senden Signale – sie sollten Neugier wecken und Experimente ermöglichen, ohne Lehrende zu überfordern.
Handlungsempfehlungen:
- Pilotprojekte starten: Kleine, flexible Räume (z. B. nach SCALE-UP) als „Leuchttürme“ etablieren, um Erfahrungen zu sammeln.
- Begleitstrukturen schaffen: Didaktikzentren oder Facility-Management-Teams sollten Lehrende bei der Nutzung unterstützen.
- Studierendenfeedback einholen: Regelmäßige Evaluationen, um Räume und Methoden kontinuierlich zu verbessern.
- KI strategisch nutzen: Digitale Assistenten in Lernräume integrieren, um soziale Interaktion und Reflexion zu fördern.
„Lernräume sind keine neutrale Kulisse – sie können Lehre tragen oder behindern. Entscheidend ist, sie als Teil eines ganzheitlichen Systems zu denken.“