Kontext
Die Keynote der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm thematisiert den Wandel von einer lehrzentrierten zu einer lernorientierten Hochschule. Die Referent:innen Prof. Dr. Christina Zitzmann (Vizepräsidentin für Bildung) und Dr. Stefanie Gandt reflektieren den Prozess der Hochschultransformation seit 2020. Im Fokus stehen nicht nur Erfolge, sondern auch Herausforderungen, Irritationen und systemische Hürden. Die Session beleuchtet, wie Hochschulen Bedingungen für wirksames Lernen gestalten können – jenseits einzelner Formate oder Projekte.
Kernaussagen
1. Der Shift als kontinuierlicher Prozess
- Der Wandel von einer lehr- zu einer lernzentrierten Hochschule ist kein linearer Prozess mit festem Zielzustand, sondern eine dauerhafte Entwicklung organisationaler Fähigkeiten.
- Hochschulen müssen ihre eigenen Routinen kritisch hinterfragen und sich als lernende Organisationen verstehen.
- Beispiel: Die Pandemie zeigte, dass Hochschulen unter Druck sowohl Blockaden als auch Veränderungspotenziale offenbaren – etwa durch die Nutzung digitaler Lehrformate oder die Rückkehr zu vertrauten Routinen.
2. Wissenschaftliche Evidenz vs. biographische Erfahrungen
- Rationale Argumente für bessere Lehrformen (z. B. aktivierende Methoden) reichen allein nicht aus, um Veränderungen zu bewirken.
- Lehrende und Studierende legitimieren bestehende Praktiken oft durch eigene, biographisch erfolgreiche Erfahrungen (z. B. „Ich habe so studiert und war erfolgreich“).
- Die Lernforschung konkurriert nicht mit Unwissenheit, sondern mit internalisierten Handlungsmustern, die durch persönliche Bildungsbiografien gestützt werden.
- Beispiel: Die klassische Vorlesung bleibt trotz Evidenz für interaktive Formate stabil, weil sie als „bewährt“ wahrgenommen wird.
3. Hochschulen als lose gekoppelte Systeme
- Hochschulen funktionieren als lose gekoppelte Systeme, in denen Strategien und Impulse individuell übersetzt werden müssen.
- Veränderungsinitiativen (z. B. Strategiepapiere, Projekte) werden nicht linear übernommen, sondern in Fachkulturen, Studiengangslogiken und professionelle Selbstverständnisse eingeordnet.
- Zitat aus der Organisationsforschung: „Kultur verspeist Strategie zum Frühstück.“
- Folge: Selbst gut begründete Innovationen scheitern, wenn sie nicht anschlussfähig an lokale Kontexte sind.
4. Verankerung von Innovationen in zentralen Strukturen
- Um „Projektinseln“ zu vermeiden, müssen Entwicklungen in zentralen Strukturen verankert werden – etwa in der Lehr- und Kompetenzentwicklung (LEKO).
- LEKO fungiert als Hub zwischen Hochschulleitung, Verwaltung, Fakultäten und Projekten.
- Beispiel: Das Projekt Starfish (digitale Transformation der Lehre) wurde bewusst in LEKO integriert, um Erfahrungswissen, Netzwerke und Routinen über Projektlaufzeiten hinaus zu sichern.
- Herausforderung: Agenda Setting – die Frage nach Lernen muss in zentrale Entscheidungsprozesse (z. B. Dekanatsgespräche, Curriculumentwicklung) eingebracht werden, statt nur in didaktischen Workshops diskutiert zu werden.
5. Lernzentrierte Curriculumentwicklung als ganzheitlicher Prozess
- Curriculumentwicklung ist kein technischer Prozess, sondern eine Auseinandersetzung mit Fachverständnissen, Rollenbildern und Machtfragen.
- Lehr-, Lern- und Prüfungslogiken müssen ganzheitlich gedacht werden – z. B. durch:
- Kompetenzorientierte Prüfungen (statt reiner Wissensabfrage).
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit (z. B. Integration sozialwissenschaftlicher Module in Ingenieurstudiengänge).
- Außenperspektiven (Studierende, Praxispartner:innen), um Selbstreproduktion der Hochschule zu durchbrechen.
- Beispiel: Bei der Entwicklung von Studiengängen müssen Zuständigkeiten, Fachlogiken und Bildungsbilder im Kollegium verhandelt werden.
6. Organisationales Lernen erfordert Vertrauen und Resonanzräume
- Vertrauen ist eine Arbeitsbedingung für organisationales Lernen:
- Ohne Vertrauen werden Routinen nur verteidigt; mit Vertrauen können sie kritisch überprüft werden.
- Resonanzräume (z. B. LEKO) ermöglichen es, Widersprüche, Konflikte und Dissens auszuhalten, ohne dass Beteiligte „ihr Gesicht verlieren“.
- Beispiel: In Curriculumsprozessen müssen unterschiedliche Sprachen (z. B. Fachtermini) und Perspektiven (Lehrende, Studierende, Praxis) integriert werden.
Fazit
Der Shift zu einer lernorientierten Hochschule gelingt nicht durch einzelne Formate oder lineare Transformationsprozesse, sondern durch:
- Kontinuierliche Reflexion der eigenen Routinen und organisationalen Fähigkeiten.
- Verankerung von Innovationen in zentralen Strukturen (z. B. LEKO), um Projektwissen nachhaltig zu sichern.
- Agenda Setting: Die Frage nach Lernen muss in alle Entscheidungsprozesse (Curricula, Strategie, Lehre) integriert werden.
- Ganzheitliche Curriculumentwicklung, die Fachlogiken, Rollenverständnisse und Machtfragen einbezieht.
- Vertrauen und Resonanzräume, um Konflikte und Widersprüche produktiv zu bearbeiten.
- Systematische Einbindung von Außenperspektiven (Studierende, Praxispartner:innen), um Selbstreproduktion zu vermeiden.
Botschaft: Der Shift ist kein Zielzustand, sondern eine wachsende Fähigkeit der Hochschule, sich selbst immer wieder zu hinterfragen – mit dem Ziel, Lernprozesse für Studierende wirksam zu gestalten.