Kontext
Der Vortrag von Christine Kolbe beleuchtet die Rolle von Social Media in der Wissenschaftskommunikation, insbesondere für befristete Drittmittelprojekte wie das Verbundprojekt Co-WOERK. Dabei wird diskutiert, wie Social Media trotz begrenzter Ressourcen und Laufzeiten für Wissenstransfer, Projektdokumentation und Sensibilisierung für Open Education genutzt werden kann. Gleichzeitig wird das Spannungsfeld zwischen der Nutzung proprietärer Plattformen („Gated Commons“) und den Zielen offener Bildung kritisch reflektiert.
Kernaussagen
1. Ressourcenplanung in Drittmittelprojekten
- Zeit- und Personalintensität: Social-Media-Arbeit erfordert kontinuierliche Content-Erstellung (Grafiken, Videos, Texte) und Anpassung an sich ändernde Plattformlogiken.
- Empfehlung: Social Media sollte bereits in der Antragsstellung als eigene Stelle oder Budgetposten eingeplant werden.
- KI als Unterstützung: KI-Tools können helfen, ersetzen aber keine menschliche Kreativität oder kritische Reflexion (z. B. ökologische Ressourcen, Arbeitsweisen).
2. Strategie für befristete Projekte
- Reichweite vs. Mitnahmeeffekte:
- Der Aufbau eigener Reichweite ist in kurzen Projektlaufzeiten kaum möglich.
- Stattdessen sollten Projekte auf Kooperationen mit etablierten Hochschulaccounts setzen (z. B. Re-Posts, Kollaborationen).
- Beispiel: Ein Post in der Story des Hauptaccounts der Viadrina generiert maximale Sichtbarkeit.
- Regelmäßigkeit und Professionalität:
- Mindestens 2 Posts pro Woche mit konsistentem Corporate Design.
- Abwechslung in Formaten (z. B. PDF-Karussells auf LinkedIn, Infokacheln auf Instagram).
3. Nutzen von Social Media für Open Education
- Mehrwert jenseits von PR:
- Lebendige Projektdokumentation: Sichtbarmachung von Teamerfolgen (z. B. Konferenzbeiträge, Credits für Kolleg:innen).
- Niederschwellige Sensibilisierung: Nutzung von Social Media als Einstiegspunkt für die globale OER-Bewegung (z. B. über Memes mit Tieren oder historischen Bildern).
- Politische Dimension: Open Education als globale Bewegung für Bildungsgerechtigkeit und Demokratisierung von Wissen.
- Drei Erzählebenen:
- Globale Bewegung (z. B. UNESCO-Initiativen).
- Lehre (Innovationspotenzial offener Bildung).
- Persönlicher Nutzen (z. B. Rechtssicherheit, schnelles Publizieren).
4. Spannungsfeld „Gated Commons“
- Widerspruch zwischen Offenheit und proprietären Plattformen:
- Social Media bietet Usability und Reichweite, basiert aber auf Datenextraktion (z. B. Bewegungsdaten, Vorlieben) und kommerziellen Algorithmen.
- Risiken: Förderung von Hassrede, politischer Polarisierung und Suchtmechanismen (Dopaminausschüttung).
- Frage: Ist Präsenz auf kommerziellen Plattformen trotz dieser Widersprüche vertretbar?
- Alternativen:
- Nutzung gemeinwohlorientierter Plattformen wie Mastodon oder Matrix/Element, allerdings mit geringer Reichweite.
- Praktische Lösung: Dreigleisige Strategie (kommerzielle Plattformen + eigene Webseite + Alternativen).
5. Kritische Haltung und Reflexion
- Verantwortungsvolle Social-Media-Arbeit:
- Verzicht auf Trends/Memes: Humor sollte nicht auf Kosten marginalisierter Gruppen gehen.
- Diversitätssensible Sprache/Bilder: Vermeidung von Diskriminierung (z. B. ableistische, rassistische Codes).
- Beispiel: Nutzung historischer, gemeinfreier Bilder (z. B. Flickr Commons) statt aktueller Memes.
- Regeln für den Umgang mit Plattformen (angelehnt an Bits und Bäume):
- Regelmäßige Reflexion: Sind Aktivitäten noch mit den Projektwerten vereinbar?
- Keine exklusiven Inhalte: Wichtige Inhalte primär auf der eigenen Webseite veröffentlichen.
- Alternativen prüfen: Alle 6 Monate nach gemeinwohlorientierten Plattformen suchen.
- Transparenz: Links zu kritischen Plattformen über Zwischenseiten mit Hinweisen auf Alternativen.
Fazit
Social Media kann für Drittmittelprojekte und Open Education wertvolle Funktionen erfüllen – von der Dokumentation über Teambuilding bis zur politischen Sensibilisierung. Allerdings erfordert dies:
- Strategische Planung (Ressourcen, Kooperationen, Formate).
- Kritische Reflexion der Plattformnutzung (Datenethik, Diskriminierungsfreiheit).
- Ausgewogenheit zwischen Reichweite und Unabhängigkeit (eigene Webseite als Herzstück, Alternativen testen).
Handlungsempfehlung:
Projekte sollten Social Media als ergänzendes Tool nutzen, aber nicht exklusiv darauf setzen. Eine wertebasierte Haltung – kombiniert mit pragmatischen Lösungen (z. B. Mitnahmeeffekte, regelmäßige Reflexion) – ermöglicht es, die Vorteile der Plattformen zu nutzen, ohne die Ziele offener Bildung zu kompromittieren.