1. Kontext
Die Diskussion fand im Rahmen des University Future Festivals unter dem Titel „Crossing Borders“ statt. Im Zentrum stand das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt NABIT (Nachhaltige Bildung in der IT), das eine Allianz aus der Beruflichen Hochschule Hamburg, der Europa-Universität Flensburg und dem Praxispartner Heartprint GmbH bildet.
Ausgangsfrage und Problemstellung:
- Bildungssysteme agieren häufig in „Silos“: Berufliche Bildung, akademische Lehre und betriebliche Praxis sind voneinander getrennt.
- Komplexe Herausforderungen wie die „Twin Transformation“ (Digitalisierung und Nachhaltigkeit) erfordern vernetztes Wissen und interdisziplinäre Ansätze.
- Zentrale Fragestellungen:
- Wie kann ein Bildungs- und Beratungskonzept gestaltet werden, das niveauübergreifend funktioniert – vom Auszubildenden über Studierende bis zur Lehrkräftebildung?
- Welche Rolle spielen Open Educational Resources (OER) bei der Überwindung institutioneller Grenzen?
- Wie lassen sich Nachhaltigkeitsaspekte in der IT-Ausbildung verankern, und wie kann deren Praxisrelevanz sichergestellt werden?
2. Kernaussagen
2.1 Position: Notwendigkeit von Kollaboration und OER
Vertreten durch: Henning Klaffke (Berufliche Hochschule Hamburg), Axel Grimm (Europa-Universität Flensburg), Rainer Karcher (Heartprint GmbH)
Argumente und Beispiele:
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Innovationstreiber:
- Die Kombination aus akademischer Forschung (Grimm), beruflicher Ausbildung (Klaffke) und Unternehmenspraxis (Karcher) ermöglicht bedarfsgerechte Lösungen.
- Beispiel: Berufswissenschaftliche Forschung an der Universität Flensburg analysiert Arbeitsprozesse in Betrieben, um Lehrinhalte praxisnah zu gestalten.
- OER als Vehikel für Offenheit:
- OER ermöglichen den Austausch von Lehrmaterialien zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen.
- Ziel: Schaffung einer „lebendigen Community“, die Materialien kontinuierlich aktualisiert (Grimm).
- Beispiel: Das Projekt NABIT entwickelt OER zu Themen wie Green IT und Sustainable AI, um Nachhaltigkeit in der IT-Ausbildung zu verankern.
- Haltung der Offenheit:
- OER erfordern eine Abkehr von „Besitzstandsdenken“ (Grimm) – insbesondere in Schulen und Hochschulen, wo Lehrmaterialien oft als „Eigentum“ der Lehrkraft betrachtet werden.
- Vorbild: Dänische Schulen, die Unterrichtsmaterialien als gemeinsames Gut der Schule behandeln.
Stützende Fakten:
- Das Projekt NABIT wird im Rahmen des BMBF-Programms „Nachhaltig im Beruf“ gefördert und läuft bis 2026.
- Praxispartner wie Quality Minds (Social Entrepreneurship) zeigen, dass Offenheit auch in der Wirtschaft anschlussfähig ist.
2.2 Position: Herausforderungen der Praxisrelevanz und Akzeptanz von OER
Vertreten durch: Rainer Karcher (Heartprint GmbH), mit ergänzenden Anmerkungen von Henning Klaffke und Axel Grimm
Argumente und Beispiele:
- Skepsis in Unternehmen:
- OER sind in der Wirtschaft oft unbekannt oder werden mit „kostenlos = minderwertig“ assoziiert (Karcher).
- Unternehmen bevorzugen zertifizierte Schulungen (z. B. Cisco, Oracle), da diese als „sicherer“ gelten.
- Beispiel: Viele Unternehmen kennen den Begriff OER nicht, reagieren aber auf Open Source als Konzept.
- Nachhaltigkeit als schwer vermittelbares Thema:
- Ökologische Nachhaltigkeit verliert in Krisenzeiten (z. B. geopolitische Konflikte) an Priorität (Karcher).
- Alternative Narrative: Nachhaltigkeit als Resilienz (z. B. Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern) oder Transparenz (z. B. souveräne IT-Infrastrukturen) sind anschlussfähiger.
- Beispiel: US-Hyperscaler wie Anthropic können kurzfristig Dienste abschalten – ein Risiko für Unternehmen.
- Aktualität von Lehrinhalten:
- KI entwickelt sich so schnell, dass Lehrmaterialien bereits bei Fertigstellung veraltet sein können (Klaffke).
- Lösung: Fokus auf Grundlagenwissen (z. B. ethische Implikationen von KI) statt auf kurzlebige Tools.
- Rechtliche und qualitative Unsicherheiten:
- Lehrkräfte befürchten Haftungsrisiken bei der Nutzung oder Veröffentlichung von OER (Grimm).
- Beispiel: Plattformen wie Hubs (OER für berufliche Bildung) sind Lehrkräften oft unbekannt.
Stützende Fakten:
- Karcher betont die Bedeutung von Intersections (interdisziplinären Begegnungen) als Zukunftstrend – inspiriert von der Zukunftsforscherin Amy Webb.
- Klaffke verweist auf den IT-Arbeitsmarkt: Aktuell besteht kein Bedarf an „Juniors“ für Routineaufgaben (die von KI übernommen werden), aber an „frischen“ Perspektiven für neue Technologien.
2.3 Position: Nachhaltigkeit als Bildungsauftrag
Vertreten durch: Axel Grimm (Europa-Universität Flensburg), mit Unterstützung von Henning Klaffke
Argumente und Beispiele:
- Nachhaltigkeit in der Lehrkräftebildung:
- Berufsschullehrkräfte müssen für Nachhaltigkeitsthemen sensibilisiert werden, um diese in den Unterricht zu integrieren (Grimm).
- Beispiel: Analyse von Lernfeldern (berufliche Bildung) zeigt, dass Nachhaltigkeit oft nur „angerissen“ wird.
- Reflexionsfähigkeit als Ziel:
- Auszubildende sollen zu „Innovationsförderern“ in Betrieben werden, indem sie Lösungen kritisch hinterfragen (Klaffke).
- Beispiel: Green Coding – wie kann Software energieeffizienter gestaltet werden?
- Institutionelle Hürden:
- Schulen und Hochschulen öffnen Lehrmaterialien nur zögerlich (Grimm).
- Beispiel: Lehrkräfte nutzen oft nur schulinterne Plattformen, statt OER zu teilen.
Stützende Fakten:
- Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) fördert „Transformationsprojekte“ wie NABIT, um Nachhaltigkeit in Berufsausbildungen zu verankern.
3. Offene Fragen
- Akzeptanz von OER in der Wirtschaft:
- Wie lassen sich Unternehmen langfristig für OER gewinnen, ohne auf Zertifizierungen zu verzichten?
- Können OER mit proprietären Schulungen koexistieren, oder verdrängen sie diese?
- Nachhaltigkeit vs. wirtschaftliche Interessen:
- Wie lässt sich das Spannungsfeld zwischen ökologischer Verantwortung und kurzfristigen Unternehmenszielen auflösen?
- Sind alternative Narrative (z. B. Resilienz) ausreichend, um Nachhaltigkeit in der IT zu verankern?
- Qualitätssicherung und Aktualität:
- Wie kann die Community sicherstellen, dass OER-Materialien kontinuierlich aktualisiert werden – insbesondere in schnelllebigen Feldern wie KI?
- Wer übernimmt die Verantwortung für die Qualität von OER, und wie lässt sich dies rechtlich absichern?
- Skalierung des Projekts:
- Wie kann das NABIT-Projekt über die Laufzeit hinaus verstetigt werden, um bundesweit Wirkung zu entfalten?
4. Ergebnis
- Vorläufige Klärungen:
- OER als Brückenbauer: Die Diskussion zeigte, dass OER das Potenzial haben, institutionelle Grenzen zu überwinden – vorausgesetzt, sie werden praxisnah und bedarfsgerecht entwickelt.
- Nachhaltigkeit neu denken: Das Projekt NABIT setzt auf alternative Narrative (z. B. Resilienz, Transparenz), um Nachhaltigkeit in der IT-Ausbildung zu verankern.
- Kollaboration als Schlüssel: Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Berufsschulen und Unternehmen wurde als zentraler Erfolgsfaktor identifiziert.
- Mitnahmen der Teilnehmenden:
- Für Bildungseinrichtungen: OER erfordern eine Haltung der Offenheit und den Aufbau von Communities, die Materialien kontinuierlich weiterentwickeln.
- Für Unternehmen: OER können als Instrument dienen, um zukunftsfähige Qualifikationen (z. B. Nachhaltigkeit, KI) zu fördern – insbesondere, wenn sie mit unternehmerischen Zielen verknüpft werden.
- Für die Politik: Die Förderung von OER und Nachhaltigkeitsprojekten wie NABIT sollte verstetigt werden, um langfristige Wirkung zu erzielen.
- Ausblick:
- Bis 2026 strebt das Projekt NABIT an, eine breite Palette von OER-Materialien zu entwickeln und eine Community aufzubauen, die diese nutzt und weiterentwickelt.
- Ziel ist es, dass Bildungseinrichtungen und Unternehmen die Materialien als „lebendiges“ Wissen begreifen – nicht als starre Lehrinhalte.