Kontext
Der Vortrag von Birgitta Borghoff thematisiert den Umgang mit Überforderung in Hochschulprojekten und Lehre. Vor dem Hintergrund von Polykrisen, KI-Transformation und steigendem Druck wird Überforderung nicht als Hindernis, sondern als Ausgangspunkt für kreative Lernprozesse betrachtet. Ziel ist es, durch interdisziplinäre Ansätze – etwa aus Kunst, Design, Nachhaltigkeitsmanagement und Organisationsentwicklung – die Kompetenz Futures Literacy als lernbare Fähigkeit zu stärken. Teilnehmende erhalten Impulse, um Überforderung systematisch zu kartieren und in kollaborative Gestaltungsräume für alternative Zukünfte zu übersetzen.
Kernaussagen
1. Überforderung als kreatives Material
- Überforderung wird als „Datenmaterial“ oder „Humus“ für kreative Prozesse genutzt.
- Methode: Systematische Kartierung von Überforderungen in Form von „Türen der Überforderung“ (z. B. „Zu viele Aufgaben parallel“, „Wachsende Schnelllebigkeit durch KI“, „Zeit als knappe Ressource“).
- Ziel: Gemeinsame Reflexion und Clustering von Überforderungen, um Handlungsräume zu eröffnen.
- Beispiel: Interaktive Sammlung von Überforderungen der Teilnehmenden auf einem Miro-Board zu Beginn des Vortrags.
2. Kreative Agilität: Definition und Haltung
- Definition: Kreative Agilität ist die Fähigkeit, ergebnisoffen und flexibel zu handeln sowie gemeinschaftlich mit unerwarteten Ergebnissen zu arbeiten – ohne den Zwang, sofort eine Lösung finden zu müssen.
- Kernaspekte:
- Ergebnisoffenheit und Flexibilität im Denken.
- Gemeinschaftliche Arbeit mit Ambivalenzen und Unsicherheiten.
- Nutzung von Intuition, Emotionen und Ambiguitätstoleranz als menschliche Mehrwerte in Zeiten von KI.
- Entwicklung: Die Definition wurde im Rahmen von Erasmus+-Projekten (2021–2023) iterativ weiterentwickelt, u. a. durch Einbindung von Künstler:innen, Designer:innen und Innovationsmanager:innen.
3. Holistische Zugänge zum Lernen
- Multisensorische und neurodiverse Ansätze:
- Nutzung des VAKOG-Modells (visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch, gustatorisch) zur Ansprache unterschiedlicher Lernzugänge.
- Berücksichtigung neurodiverser Bedürfnisse (z. B. autistische Menschen) durch alternative Wahrnehmungskanäle.
- Emotionale und intuitive Dimensionen:
- Einbindung von Emotionen (z. B. via Geneva Emotion Wheel) als Teil des Lernprozesses.
- Reflexion über individuelle Anknüpfungspunkte: Woran merken Lehrende oder Studierende, dass Interesse, Wille oder Motivation vorhanden sind?
- Denkstile: Erweiterung über rational-logisches Denken hinaus (z. B. divergentes, ganzheitliches Denken).
4. Creature Futures Literacy Framework
- Kompetenz-Framework: Basierend auf 17 Domänen, die verschiedene Ansätze integrieren:
- Grundlagen: Kreative Agilität 1.0 (Umgang mit Ambiguität, künstlerische Strategien), Inner Development Goals, AI Literacy, Design Thinking, soziale Kompetenzen.
- Ziel: Stärkung von Zukunftskompetenzen für Mensch-Mensch- und Mensch-Maschine-Interaktionen.
- Entwicklungsprozess:
- Versionen: Drei Iterationen (u. a. durch Self-Assessments mit Studierenden und Praxispartner:innen).
- Methodik: Kollaborative Entwicklung mit KI-Unterstützung und Einbindung von Studierenden (z. B. aus Sozialer Arbeit, Kommunikation, Psychologie).
5. Vierstufiger Prozess der Kompetenzentwicklung
- Phasenmodell zur Entwicklung von Futures Literacy:
- Research: Themenexploration und Kartierung von Überforderungen (z. B. via Mentimeter-Umfragen).
- Play: Experimente mit kunstbasierten Methoden (z. B. Rollenspiele, Theater) und KI.
- Ways Out: Sicherung der Handlungsfähigkeit (z. B. durch Perspektivwechsel oder Ressourcenreflexion).
- Create: Langfristige Gestaltung von Zukünften (z. B. Entwicklung von Future Scenarios).
- Beispiele aus der Praxis:
- Case Study 1: Workshop mit Führungskräften der Schweizer Tourismusbranche zu Themen wie „Erwartungen“ oder „Kulturelle Unterschiede“.
- Case Study 2: Living Lab mit Studierenden (u. a. zu Einsamkeit als soziales Riff), das kreative Präsentationsformate (z. B. Metaphern) nutzte.
6. Rolle der „Creatulators“
- Lehrende agieren nicht als klassische Wissensvermittler:innen, sondern als „Creatulators“ – Begleiter:innen auf Augenhöhe in iterativen Lernprozessen.
- Merkmale:
- Kollaborative Wissensgenerierung mit Studierenden, Praxispartner:innen und Teammitgliedern.
- Anpassung des Lehrplans basierend auf Feedback und unerwarteten Ergebnissen.
- Fokus auf gemeinschaftliche Reflexion und Erfahrungsaustausch.
7. Integration von KI und menschlicher Verantwortung
- Herausforderung: KI-Transformation und Polykrisen erfordern spezifisch menschliche Kompetenzen.
- Schwerpunkte:
- Ambiguitätstoleranz, Intuition und ethische Verantwortung als zentrale Bildungsziele.
- KI als Werkzeug für kreative Prozesse (z. B. im Projekt Creagility 2.0), aber mit Fokus auf nachhaltige und verantwortungsvolle Nutzung.
- Beispiel: Workshop zur KI-Nutzung für Mitarbeitende ohne akademischen Hintergrund, um Ängste abzubauen (z. B. „KI macht faul“).
Fazit
Der Vortrag plädiert für einen paradigmatischen Shift im Umgang mit Überforderung: Statt sie zu vermeiden, sollte sie als Ressource für kreative Lernprozesse genutzt werden. Konkrete Handlungsempfehlungen umfassen:
- Systematische Kartierung von Überforderungen (z. B. via Miro-Boards oder Mentimeter) als Ausgangspunkt für kollaborative Reflexion.
- Nutzung holistischer Methoden (VAKOG, Emotionsarbeit, kunstbasierte Ansätze) zur Ansprache diverser Lernzugänge.
- Implementierung des Creature Futures Literacy Frameworks in Lehr- und Projektformate, um Zukunftskompetenzen interdisziplinär zu stärken.
- Rollenwandel der Lehrenden hin zu „Creatulators“, die auf Augenhöhe mit Studierenden und Praxispartner:innen arbeiten.
- Integration von KI als Werkzeug für kreative Agilität – kombiniert mit der Stärkung menschlicher Werte wie Ethik und Intuition.
Ausblick: Das Framework wird im Januar 2025 im Rahmen einer internationalen Winter School erneut erprobt (Fokus: Gesundheit, Soziales, Kommunikation). Interessierte können sich für Evaluationsergebnisse und Kooperationen an das Projektteam wenden.