Kontext
Hochschulen stehen vor der Herausforderung, in einem dynamischen und komplexen Umfeld innovationsfähig zu bleiben. Besonders große Hochschulen mit verflochtenen Strukturen und etablierten Handlungslogiken („Tanker“-Metapher) haben Schwierigkeiten, agil auf Veränderungen zu reagieren. Die an der Universität zu Köln entstehende „Innovationsplattform für zukunftsrelevante Kompetenzen“ dient als Beispiel, wie themenzentrierte, vernetzende Plattformen als Inkubatoren für Innovation und Organisationsentwicklung wirken können. Der Fokus liegt dabei auf der Vernetzung von Akteur:innen, der Schaffung von Förder- und Unterstützungsangeboten sowie der systematischen Auseinandersetzung mit zukunftsrelevanten Themen – insbesondere im Bereich Lehren und Lernen.
Kernaussagen
1. Verständnis und Funktion von Innovationsplattformen
- Plattform als Netzwerkstruktur: Innovationsplattformen werden nicht primär als technische Tools, sondern als vernetzende Strukturen verstanden. Sie verbinden Menschen, Institute und Bereiche über Fakultätsgrenzen hinweg, um Silo-Denken aufzubrechen und interdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern.
- Digitale Räume als Enabler: Digitale Plattformen fungieren als neutrale, barrierearme Orte, die räumliche und zeitliche Komplexität reduzieren. Sie ermöglichen die Zusammenarbeit mit externen Expert:innen und die Vernetzung dezentraler Kohorten (z. B. durch hybride Lehr-Lernräume oder digitale Repositorien).
- Beispiel: Begleitung von Fokusgruppen („Kohorten“) in digitalen Räumen, um Lehrinnovationen zu entwickeln.
2. Strategische Zentralisierung und Parallelstrukturen
- Verankerung in der Hochschulleitung: Die Plattform ist direkt im Prorektorat für Lehre und Studium angesiedelt, um:
- Legitimität und Sichtbarkeit zu erhöhen,
- langfristige Ressourcenstabilität zu sichern,
- Breitenwirkung in der gesamten Hochschule zu erzielen.
- Parallelstruktur als Lösungsansatz: Um die Schwerfälligkeit großer Hochschulstrukturen zu überwinden, wird die Plattform als flexible Parallelstruktur etabliert. Diese arbeitet nach eigenen Regeln, ist aber fest in bestehende Systeme eingebettet, um nachhaltige Veränderungen zu ermöglichen.
- Herausforderung: Die Struktur muss zentral genug sein, um Impact zu erzeugen, aber gleichzeitig partizipativ und zielgruppennah bleiben.
3. Gelingensbedingungen für Innovation
- Politischer Wille und Authentizität:
- Ein echtes Commitment der Hochschulleitung ist essenziell, um Innovationen voranzutreiben.
- Zielgruppenbewusstsein: Die Bedürfnisse und Alltagsrealitäten der Lehrenden müssen verstanden und adressiert werden (z. B. Zeitkonflikte zwischen Forschung und Lehre).
- Kreative Verwaltung und Fehlerkultur:
- Ressourcen (zeitlich, finanziell, personell) müssen bereitgestellt werden, um Experimente zu ermöglichen.
- Eine echte Fehlerkultur ist notwendig, um risikoarme Experimentierfreiräume zu schaffen.
- „Kreative Verwaltung“: Mitarbeiter:innen werden gezielt nach ihrer Bereitschaft ausgewählt, bestehende Prozesse innovativ zu gestalten.
- Partizipation und Motivation:
- Bottom-up-Ideen müssen kanalisiert und incentiviert werden (z. B. durch monetäre oder personelle Unterstützung).
- Inwertsetzung von Lehre: Lehrinnovationen müssen sichtbar gemacht und wertgeschätzt werden, um Lehrende zu motivieren.
4. Eignung von Themen für zentrale Plattformen
- Übergreifende, interdisziplinäre Themen:
- Zentrale Plattformen lohnen sich besonders für Themen, die Innovationsimpulse benötigen und nicht top-down erzwungen werden können (z. B. KI in der Lehre).
- Kriterien für Themenauswahl:
- Anknüpfungspunkte an bestehende Strukturen und Akteur:innen (keine „künstlichen“ Themen).
- Interdisziplinarität: Themen müssen über Fakultätsgrenzen hinweg bearbeitbar sein.
- Systematische Zukunftsrelevanz: Themen sollten durch Foresight-Prozesse identifiziert werden (z. B. durch Softwarelösungen zur Impulssammlung).
- Bereiche mit intrinsischem Innovationsdruck:
- In der Forschung ist Innovation oft intrinsisch motiviert, während in der Lehre strukturelle Anreize fehlen. Hier können Plattformen gezielt wirken.
5. Mechanismen zur Förderung von Innovation
- Inwertsetzung und Vernetzung:
- Matching-Funktion: Die Plattform verbindet Akteur:innen mit ähnlichen Ideen oder Projekten (z. B. KI-Projekte in verschiedenen Fakultäten).
- Sichtbarmachung: Erfolge und Innovationen werden gezielt kommuniziert, um Motivation und Nachahmungseffekte zu erzeugen.
- Ressourcenbereitstellung:
- Monetäre und personelle Unterstützung für Lehrende, die Innovationen umsetzen möchten.
- Freiräume für Experimente: Schaffung von risikoarmen Räumen, um neue Methoden auszuprobieren (z. B. durch Learning Experience Design).
- Steuerung und Organisation:
- Kanalisierung von Bottom-up-Ideen: Die Plattform sammelt und bündelt Initiativen, um sie in tragfähige Projekte zu überführen.
- Partizipative Ansätze: Einbindung von Studierenden und Lehrenden in die Entwicklung von Innovationen.
Fazit
Innovationsplattformen können als vernetzende Inkubatoren wirken, um Hochschulen agiler und zukunftsfähiger zu machen – insbesondere in Bereichen wie der Lehre, die strukturell weniger innovationsgetrieben sind. Erfolgsentscheidend sind dabei:
- Strategische Verankerung in der Hochschulleitung, um Legitimität und Ressourcen zu sichern.
- Flexible Parallelstrukturen, die nach eigenen Regeln arbeiten, aber in bestehende Systeme eingebettet sind.
- Gezielte Incentivierung und Motivation der Zielgruppen (z. B. Lehrende) durch Ressourcen, Sichtbarkeit und Partizipation.
- Auswahl geeigneter Themen, die interdisziplinär, zukunftsrelevant und mit bestehenden Akteur:innen verknüpfbar sind.
- Nutzung digitaler Räume, um Barrieren abzubauen und Vernetzung zu erleichtern.
Handlungsempfehlung:
Hochschulen sollten Innovationsplattformen als dauerhafte Strukturen etablieren, die über Projektlogiken hinausgehen. Dabei gilt es, politischen Willen, Zielgruppenbewusstsein und eine echte Fehlerkultur zu verankern, um nachhaltige Veränderungen zu ermöglichen. Die Bekanntmachung solcher Plattformen erfordert aktive Kommunikation und das gezielte Ansprechen motivierter Akteur:innen („Klinken putzen“).