Kontext
Die Diskussion thematisierte das Future Skills Framework 2030 des Stifterverbands als Referenzrahmen für Hochschulen. Im Zentrum stand die Frage, wie das Framework in der Praxis genutzt werden kann, ohne Lehrende, Studierende oder Curricula zu überfordern. Dabei wurden folgende zentrale Aspekte adressiert:
- Spannungsfeld zwischen bestehenden Curricula und neuen Kompetenzanforderungen
- Rolle des Frameworks als Diskussionsgrundlage, Orientierungshilfe oder strategisches Instrument
- Operationalisierung von Future Skills ohne Checklistenlogik oder rein additive Integration
- Perspektiven verschiedener Statusgruppen (Lehrende, Studierende, Hochschulleitung, Forschung)
Kernaussagen
1. Das Framework als Diskussionsanlass und strategisches Instrument
Vera Gehrs (Hochschule Osnabrück, Projektleitung Lern KI)
- Position: Das Framework dient primär als Diskussionsgrundlage für Studiengangentwicklung und Profilbildung, nicht als Checkliste.
- Beispiel: An der Hochschule Osnabrück wird es in Reakkreditierungsverfahren genutzt, um Schwerpunkte zu setzen.
- Kritischer Punkt: Future Skills müssen fachlich verankert werden – sie ersetzen kein Fachwissen, sondern bereichern es.
- Herausforderung: Studierende benötigen Unterstützung bei der Auswahl von Kompetenzen ("Was brauche ich wirklich?").
- Lösungsansatz:
- Interdisziplinäre Module (z. B. Wahlpflichtbereich mit Skillsbook als Prüfungsform).
- KI-gestützte Reflexionsbots zur Skalierung von Reflexionsprozessen (z. B. Reflect oder Reflexionsspot der Stanford University).
Thies Johannsen (TU Berlin)
- Position: Das Framework bietet eine gemeinsame Sprache für Aushandlungsprozesse zwischen Fachinhalten, Employability und gesellschaftlicher Wirkung.
- Beispiel: Nutzung in Akkreditierungsverfahren oder europäischen Kooperationen (z. B. SEFI für Ingenieur:innenausbildung).
- Kritik: Implizit vorhandene Kompetenzen (z. B. Teamwork in Seminaren) werden oft nicht explizit benannt.
- Forderung: Anpassung der Leistungsindikatorik, um Lehrinnovationen karriererelevant zu machen.
2. Future Skills in der Hochschulforschung
Nina Horstmann (CHE, Hochschulforschung)
- Position: Das Framework ist operationalisierbar für empirische Forschung und adressiert Megatrends (z. B. KI, Nachhaltigkeit).
- Beispiel: Nutzung in Professor:innenbefragungen zur Förderung von Future Skills in der Lehre.
- Kritischer Punkt: Frameworks müssen agil bleiben – statische Curricula über 10 Jahre sind unzureichend.
- Forderung:
- Regelmäßige Aktualisierung des Frameworks.
- Gleichstellung von Lehre und Forschung in der Karrierebewertung.
3. Studentische Perspektive: Transparenz und Mitgestaltung
Inga Gostmann (Studierende, Universität Bielefeld)
- Position: Future Skills sind meist unbekannt, aber Studierende wünschen sich praktische Integration statt theoretischer Vermittlung.
- Beispiele für gelungene Formate:
- Studentisch organisierte Seminare (z. B. Buchclubs, Ausstellungen).
- Kooperationen mit Praxispartner:innen (z. B. Wissenswerkstätten).
- Kritik: Lehrende machen Future Skills oft nicht transparent – Studierende erkennen erworbene Kompetenzen nicht.
- Forderung:
- Gleichberechtigte Mitgestaltung in Gremien.
- Selbstwirksamkeitserlebnisse durch projektbasiertes Lernen.
4. Grenzen und Herausforderungen
a) Überlastung der Curricula
- Mehrheitsmeinung: Curricula sind bereits "voll" – additive Integration von Future Skills führt zu Überforderung.
- Lösungsansätze:
- Integration in bestehende Lehrformate (z. B. Reflexionsjournale, projektbasiertes Lernen).
- Fachliche Anbindung (z. B. Future Skills for Leadership im Wirtschaftsingenieurwesen).
- Freiräume für Lehrende (z. B. reduziertes Deputat für Innovationen).
b) Didaktische Kompetenzen der Lehrenden
- Problem: Lehrende fühlen sich unsicher in der Vermittlung von Future Skills (z. B. Ambiguitätstoleranz).
- Lösungsansätze:
- Weiterbildungsangebote (z. B. Selbstlernkurse auf dem KI-Campus).
- Peer-Beratung (z. B. Fachausschuss Future Skills der Gesellschaft für Schlüsselkompetenzen).
- Mut zum Scheitern: Experimentierräume schaffen (z. B. Challenge-Based Learning).
c) Systemische Hürden
- Thies Johannsen:
- Karrierewege sind primär forschungsorientiert – Lehrinnovationen werden nicht ausreichend honoriert.
- Befristungsproblematik: Kompetenzen gehen verloren, wenn engagierte Lehrende die Hochschule verlassen.
- Nina Horstmann:
- Future Skills Literacy (nach Ulf-Daniel Ehlers): Lehrende müssen nicht alle Kompetenzen perfekt beherrschen, sondern Lernumgebungen gestalten können.
Offene Fragen
- Skalierung von Reflexionsformaten:
- Wie lassen sich KI-gestützte Reflexionsbots (z. B. Skillsbook) qualitativ hochwertig und datenschutzkonform einsetzen?
- Karriereanreize für Lehrinnovationen:
- Wie können Leistungsindikatoren so gestaltet werden, dass Future Skills-Aktivitäten (z. B. projektbasierte Lehre) karriererelevant werden?
- Kulturwandel an Hochschulen:
- Wie gelingt der Hochschulweite Paradigmenwechsel von der Wissensvermittlung zur Kompetenzorientierung – insbesondere in traditionellen Fächern?
- Studentische Mitgestaltung:
- Wie können Studierende gleichberechtigt in Entscheidungsprozesse (z. B. Curriculumsentwicklung) eingebunden werden?
Ergebnis
Vorläufige Klärungen
- Konsens: Das Future Skills Framework ist kein starres Instrument, sondern ein flexibler Orientierungsrahmen für strategische Diskussionen.
- Praktische Ansätze:
- Integration statt Addition: Future Skills in bestehende Lehrformate einbetten (z. B. Reflexionsaufgaben, Projektarbeit).
- Transparenz: Erlernte Kompetenzen für Studierende sichtbar machen (z. B. Modulhandbücher, Portfolios).
- Mut zum Experiment: Fehlerfreundliche Räume schaffen (z. B. Wahlpflichtmodule mit KI-Bots).
- Handlungsempfehlungen:
- Lehrende: Nutzung von Weiterbildungsangeboten (z. B. Gesellschaft für Schlüsselkompetenzen) und Peer-Learning.
- Hochschulleitungen: Anpassung der Leistungsindikatorik und Schaffung von Freiräumen für Lehrinnovationen.
- Studierende: Mitgestaltung einfordern (z. B. durch studentische Gremienarbeit).
Impulse für die Teilnehmenden
- Vera Gehrs: "Mut zum Scheitern – wir müssen gestalten, nicht abwarten."
- Inga Gostmann: "Studierende wollen mitgestalten, nicht nur konsumieren."
- Thies Johannsen: "Lehre muss genauso wertgeschätzt werden wie Forschung."
- Nina Horstmann: "Curricula müssen agil sein – Future Skills sind kein einmaliges Projekt."
Weiterführende Ressourcen
- LinkedIn-Gruppe: Allianz für Future Skills (Veranstaltungshinweise, z. B. Community Symposium im Dezember 2023).
- Handreichung: Integration von Future Skills in die Fachlehre (erscheint Herbst 2023, Gesellschaft für Schlüsselkompetenzen).
- KI-Tools: Reflect (Stanford University) oder Reflexionsspot (Projekt Lern KI).