Kontext
Der Vortrag thematisiert die Bedeutung digitaler Souveränität für Hochschulen und Forschungseinrichtungen, insbesondere im Bereich der KI-Infrastruktur. Angesichts globaler Abhängigkeiten von großen Tech-Konzernen (Big Tech) wird diskutiert, wie eine eigenständige, dezentrale und skalierbare KI-Infrastruktur aufgebaut werden kann. Das Projekt Open Source KI NRW dient als Beispiel für einen „Bottom-up-Ansatz“, der schnelles Prototyping, lokale Ressourcen und iterative Weiterentwicklung nutzt, um Souveränität und Resilienz zu stärken.
Kernaussagen
1. Digitale Souveränität als demokratischer Prozess
- Digitale Souveränität wird als Fähigkeit definiert, technologische Schlüsseltechnologien (z. B. KI) wissenschaftlich mitzugestalten, um Entscheidungsfreiheit zu sichern und Abhängigkeiten von externen Anbietern zu reduzieren.
- Sie ist kein statisches Produkt, sondern ein kontinuierlicher, partizipativer Prozess, der aktive Beteiligung von Entwickler:innen und Nutzer:innen erfordert.
- Quellen: Definitionen der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).
2. Drei zentrale Faktoren für souveräne KI-Infrastruktur
- Kapital, Personal und Wissen sind interdependent:
- Kapital fließt primär in Personal, um Wissen zu generieren.
- Wissen wird durch Personal in die Infrastruktur zurückgeführt und kann langfristig Kapital (z. B. durch Einsparungen) generieren.
- Personal ist das zentrale Element: Ohne qualifizierte Mitarbeiter:innen kann Infrastruktur nicht betrieben oder weiterentwickelt werden.
3. Bottom-up-Ansatz: Schnelles Prototyping und lokale Ressourcen
- Der Aufbau begann mit minimalen Mitteln (z. B. vorhandene Hardware, Open-Weight-Modelle wie Llama 2) und kleinen Teams (3 Personen).
- Ziel: Erste funktionierende Anwendungen (z. B. Anbindung an Learning-Management-Systeme wie Moodle) schaffen, um Akzeptanz und Erfahrung zu sammeln.
- Beispiel: Innerhalb von 3 Monaten (Oktober–Dezember 2023) wurde ein Prototyp an der Ruhr-Universität Bochum entwickelt.
4. NRW Gateway: Dezentrale Skalierung und Resilienz
- Das NRW Gateway fungiert als Schnittstelle, die Anfragen per Load Balancing auf verschiedene Rechenzentren (z. B. Köln, RWTH Aachen) verteilt.
- Vorteile:
- Skalierbarkeit: Nutzung lokaler Ressourcen ohne zentrale Steuerung.
- Resilienz: Ausfälle einzelner Standorte werden kompensiert.
- Autonomie: Standorte behalten Kontrolle über ihre Infrastruktur und Modelle.
- Praxistest: Seit April 2026 im „Best-Effort“-Betrieb mit über 100.000 potenziellen Nutzer:innen.
5. Akzeptanz und praktische Erkenntnisse
- Hardware-Bedarf: Der tatsächliche Bedarf für KI-Inferenz ist geringer als angenommen – lokale Infrastruktur reicht oft aus.
- Nutzererfahrung: Technische Stabilität und Geschwindigkeit sind entscheidend für Akzeptanz. Schlechte erste Erfahrungen führen zu langfristiger Ablehnung.
- Wissenstransfer: Erfolg basiert auf kontinuierlichem Lernen, Fehleranalyse und Multiplikation von Wissen zwischen Standorten.
Fazit
Digitale Souveränität im KI-Bereich ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess, der Partizipation, Wissenstransfer und iterative Entwicklung erfordert. Der vorgestellte Ansatz zeigt, dass:
- Dezentrale Infrastrukturen (wie das NRW Gateway) Skalierbarkeit und Resilienz ermöglichen, ohne Autonomie einzubüßen.
- Bottom-up-Strategien mit geringen Ressourcen realisierbar sind, wenn Personal und Wissen im Mittelpunkt stehen.
- Langfristiger Erfolg von der Einbindung aller Akteur:innen (Entwickler:innen, Nutzer:innen, Politik) abhängt.
Handlungsempfehlung:
Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollten:
- Lokale Ressourcen (Hardware, Open-Source-Modelle) nutzen, um erste Prototypen zu entwickeln.
- Kooperationen zwischen Standorten fördern, um Wissen zu teilen und Skaleneffekte zu erzielen.
- Nutzerfeedback aktiv einbinden, um technische Stabilität und Akzeptanz zu sichern.
- Politische Unterstützung einfordern, um nachhaltige Finanzierung und Personalausstattung zu gewährleisten.