Kontext
Die Diskussion „Souveränität unter Druck“ widmete sich der Frage, wie Hochschulen in einem von multiplen Krisen geprägten Umfeld ihre strategische Handlungsfähigkeit und digitale Souveränität bewahren können. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Hochschulen gleichzeitig als demokratische Stabilitätsanker fungieren, agiler werden und technologische Infrastrukturen souverän gestalten sollen – bei chronisch knappen Ressourcen. Das Panel beleuchtete das Spannungsfeld zwischen politischen Erwartungen, technologischen Abhängigkeiten und dem Anspruch, den digitalen Wandel nach eigenen Werten zu gestalten.
Zentrale Fragestellungen:
- Welche Druckpunkte (politisch, finanziell, technologisch) wirken aktuell am stärksten auf Hochschulen?
- Wie verändert sich das Selbstverständnis von Hochschulen unter diesen Bedingungen?
- Was bedeutet „digitale Souveränität“ konkret für Hochschulen, und wie lässt sie sich umsetzen?
- Welche Rolle spielen Kooperationen, Risikomanagement und Organisationsentwicklung für die Souveränität?
Kernaussagen
1. Souveränität als Gestaltungshoheit und Selbstbestimmung
Roger Erb (Goethe-Universität Frankfurt / Stiftung Innovation der Hochschullehrer):
- Souveränität ist für Hochschulen essenziell, um gesellschaftliche Entwicklungen aktiv mitzugestalten – nicht nur reaktiv zu agieren.
- Digitale Souveränität erfordert ein grundlegendes Technikverständnis, um fundierte Entscheidungen über den Einsatz von Tools treffen zu können.
- Beispiel: Hochschulen müssen nicht alles selbst entwickeln, aber die Wirkungsmechanismen von Technologien verstehen (Zitat: „What I cannot create, I do not understand“ – Richard Feynman).
- Aktuelle Herausforderungen (Finanzknappheit, KI, Berufsfeldwandel) erschweren es, den nötigen Diskurs zu führen. Teilweise sei dies selbstverschuldet, da Hochschulen zu spät auf Themen wie KI reagiert hätten.
Tanja Brühl (Hochschulleitung):
- Souveränität wird durch politische Regulierung (z. B. detaillierte Zielvereinbarungen) und knappe Ressourcen eingeschränkt.
- Beispiel: Zielvereinbarungen mit 52 Unterpunkten legen fest, wofür Mittel verwendet werden dürfen – dies reduziere Handlungsspielräume.
- Hochschulen müssen abwägen: Wie viel müssen wir reagieren, wie viel selbst gestalten? Demokratische Verantwortung setze voraus, auf „beiden Beinen“ zu stehen.
2. Digitale Souveränität: Macht, Datenhoheit und Abhängigkeiten
Ulrike Tippe (TH Wildau / HRK-Vizepräsidentin):
- Digitale Souveränität ist ein Macht- und Herrschaftsthema, da es um Kontrolle über Daten und Infrastrukturen geht.
- Beispiel: Forschungsdaten müssen sicher gespeichert werden, doch die Finanzierung von Serverstrukturen ist oft kurzfristig (z. B. durch Projektmittel).
- Kooperation ist unerlässlich, um Ressourcen effizient zu nutzen und nicht „16 Mal das Rad neu zu erfinden“.
- Kritik am Föderalismus: Viele Bundesländer entwickeln parallele Lösungen, obwohl gemeinsame Dienste sinnvoller wären.
Stefan Wesner (Universität Köln / DFN-Vorstand):
- Digitale Souveränität erfordert aktives Risikomanagement und die Vermeidung von Vendor Lock-ins (z. B. bei Cloud-Lösungen).
- Zentrale Fragen: Können Daten exportiert werden? Welche Kosten entstehen bei Migration? Wie vermeidet man Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern?
- Hochschulen seien oft zu langsam in der Entwicklung eigener Lösungen, was zu Abhängigkeiten von kommerziellen Anbietern führe.
- Beispiel: Microsoft 365 – Hochschulen werden gezwungen, Lizenzen für ungenutzte Dienste zu kaufen, um Einzellizenzen zu erhalten.
3. Spannungsfelder in der Umsetzung
a) Sicherheit vs. Freiheit
- Ulrike Tippe & Stefan Wesner:
- Maßnahmen wie Zwei-Faktor-Authentifizierung oder das Abschalten dezentraler Netze stoßen auf Widerstand, da sie als Einschränkung der Forschungsfreiheit wahrgenommen werden.
- Lösung: Transparente Kommunikation und Aushandlungsprozesse, um Akzeptanz zu schaffen.
- Beispiel: An der TU Darmstadt wurden Sicherheitsrichtlinien trotz anfänglicher Kritik erfolgreich umgesetzt, indem die Gründe erklärt wurden.
b) Zentralisierung vs. Dezentralisierung
- Stefan Wesner:
- Starke Zentralisierung der IT ist nötig, um Schritt zu halten – doch dies kollidiert mit dem Wunsch nach individuellen Lösungen.
- Beispiel: Lehrende bevorzugen oft „bequeme“ kommerzielle Tools (z. B. Confluence) gegenüber souveränen Open-Source-Alternativen.
- Roger Erb:
- Vielfalt schützt vor Abhängigkeiten – etwa durch das Angebot mehrerer Lernplattformen.
- Kritik an der Idee eines „Single Sign-On“ für alle Dienste, da dies Souveränität einschränke.
c) Geschwindigkeit vs. Beteiligung
- Stefan Wesner:
- Hochschulen seien zu langsam in der Digitalisierung, was zu Abhängigkeiten führe.
- Problem: Digitalisierungsprojekte werden oft von Idealist:innen „nebenher“ betrieben, ohne strukturelle Anreize.
- Tanja Brühl:
- Change-Prozesse erfordern neue Methoden (z. B. Service Design), um nutzer:innenzentriert zu arbeiten.
- Beispiel: Prozessmanagement-Gruppen überarbeiten Abläufe, doch es fehlt an serviceorientierten Ansätzen.
4. Kooperation als Schlüssel zur Souveränität
- Ulrike Tippe & Tanja Brühl:
- Länderübergreifende Zusammenarbeit ist essenziell, um Ressourcen zu bündeln.
- Beispiel: Das Projekt Open Source Digital Niedersachsen bindet andere Bundesländer ein, um Akzeptanz zu erhöhen.
- Vertrauen zwischen Hochschulen und Politik ist nötig, um ungewöhnliche Wege zu gehen (z. B. Staatsverträge für gemeinsame IT-Infrastrukturen).
- Stefan Wesner:
- Bestehende Kooperationen (z. B. DFN, His, NFDI) zeigen, dass gemeinsame Lösungen möglich sind – trotz föderaler Hürden.
- Beispiel: KI-Modelle (z. B. Mistral) werden bundesweit angeboten, um Abhängigkeiten von US-Anbietern zu reduzieren.
Kritik am Föderalismus:
- Tanja Brühl: Viele Bundesländer entwickeln parallele Lösungen (z. B. Campus-Management-Systeme), obwohl gemeinsame Dienste effizienter wären.
- Ulrike Tippe: In Brandenburg dauerte es 4–5 Jahre, um Vertrauen für gemeinsame IT-Dienste aufzubauen – doch jetzt funktioniert die Zusammenarbeit.
5. Offene Fragen der digitalen Souveränität
a) Abhängigkeiten evaluieren
- Frage aus dem Publikum: Wie bewertet man, welche Abhängigkeiten (z. B. von US-Cloud-Anbietern) akzeptabel sind?
- Stefan Wesner: Entscheidend sind Datenhoheit (Exportierbarkeit), Kostenrisiken (z. B. hohe Gebühren für Daten-Downloads) und Skalierbarkeit.
- Beispiel: Open Desk (Open-Source-Alternative zu Microsoft 365) ist aktuell teurer und weniger skalierbar als kommerzielle Lösungen.
b) Studentische Souveränität
- Frage aus dem Chat: Studierende haben oft keine Wahl, als sich der IT-Infrastruktur der Hochschule zu unterwerfen.
- Ulrike Tippe: Eine gemeinsam entwickelte Digitalstrategie gilt für alle Statusgruppen – wenn sie demokratisch legitimiert ist, handelt es sich nicht um Oktroyierung.
- Stefan Wesner: Hochschulen müssen digitale Räume bereitstellen, die den Anforderungen aller genügen (analog zu physischen Räumen).
c) Souveränität in Forschung vs. Verwaltung
- Ulrike Tippe:
- Forschung ist oft experimentierfreudig, doch in der Verwaltung herrscht Skepsis gegenüber Veränderungen.
- Herausforderung: Wie befähigt man wissenschaftsnahe Bereiche (z. B. Mittelbau), sich mit KI und Digitalisierung auseinanderzusetzen?
- Beispiel: Transfer von KI-Kompetenzen in die Verwaltung – doch Personalentwicklung ist bei knappen Ressourcen schwierig.
6. Kulturwandel und Organisationsentwicklung
- Ulrike Tippe:
- Wissenschaft ist Kooperation – doch Konkurrenz um Ressourcen (Drittmittel, Studierende) erschwert gemeinsame Lösungen.
- Beispiel: Früher hielten Hochschulen IT-Lösungen geheim, um Wettbewerbsvorteile zu wahren. Heute überwiegt die Einsicht, dass Kooperation effizienter ist.
- Tanja Brühl:
- Lernende Organisation: Hochschulen müssen sich fragen, wie sie interne Innovationen fördern – etwa durch Qualifizierung von Verwaltungsmitarbeiter:innen.
- Kritik: In der Verwaltung wird oft argumentiert: „Das haben wir noch nie so gemacht“ – doch die Dynamik der Digitalisierung erfordert Anpassungsfähigkeit.
Offene Fragen
- Balance zwischen Standardisierung und Individualität:
- Wie viel Vernetzung ist möglich, ohne die spezifischen Bedürfnisse einzelner Hochschulen zu ignorieren? (Ulrike Tippe)
- Langfristige Finanzierung digitaler Infrastrukturen:
- Wie lassen sich Serverstrukturen und KI-Modelle über Projektförderungen hinaus verstetigen? (Ulrike Tippe)
- Incentivierung von Digitalisierungsprojekten:
- Wie motiviert man Hochschulmitglieder, sich über Idealismus hinaus für digitale Souveränität einzusetzen? (Stefan Wesner)
- KI und gesellschaftlicher Wandel:
- Wie müssen sich Hochschulen aufstellen, um die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI mitzugestalten – jenseits von Lehre und Forschung? (Roger Erb)
- Transfer nach innen:
- Wie gelingt es, Innovationen aus der Forschung (z. B. KI-Kompetenzen) in die Verwaltung zu übertragen? (Ulrike Tippe)
Ergebnis
Die Diskussion zeigte, dass digitale Souveränität für Hochschulen kein rein technisches, sondern ein strategisches, politisches und kulturelles Projekt ist. Zentrale Erkenntnisse:
- Souveränität erfordert Verständnis und Gestaltungsmacht:
- Hochschulen müssen Technologien nicht nur nutzen, sondern ihre Wirkungsmechanismen verstehen, um unabhängige Entscheidungen zu treffen (Roger Erb).
- Kooperation ist alternativlos:
- Angesichts knapper Ressourcen und komplexer Herausforderungen (z. B. KI, Cybersecurity) müssen Hochschulen länderübergreifend zusammenarbeiten – trotz föderaler Hürden (Ulrike Tippe, Tanja Brühl).
- Kulturwandel als Daueraufgabe:
- Souveränität gelingt nur, wenn alle Statusgruppen (Lehre, Forschung, Verwaltung) einbezogen werden und die Organisation lernfähig bleibt (Ulrike Tippe).
- Risikomanagement statt All-in-One-Lösungen:
- Nicht alle Abhängigkeiten sind vermeidbar – entscheidend ist, Risiken zu bewerten und Datenhoheit zu wahren (Stefan Wesner).
- Handlungsdruck vs. Langfristigkeit:
- Hochschulen müssen grundsätzliche Entscheidungen für digitale Souveränität treffen – nicht nur kurzfristig reagieren (Stefan Wesner).
Uneinigkeit bestand in folgenden Punkten:
- Wie stark darf die Zentralisierung der IT gehen, ohne die Freiheit von Forschung und Lehre einzuschränken?
- Wie lässt sich die Geschwindigkeit von Digitalisierungsprozessen erhöhen, ohne Beteiligungsprozesse zu vernachlässigen?
- Welche Abhängigkeiten (z. B. von US-Cloud-Anbietern) sind akzeptabel, und wo müssen eigene Lösungen entwickelt werden?
Praktische Ansätze, die mitgenommen wurden:
- Transparente Kommunikation über Sicherheitsmaßnahmen (z. B. Zwei-Faktor-Authentifizierung).
- Kooperative Projekte wie Open Source Digital Niedersachsen oder die Zusammenarbeit der TU Darmstadt mit der RWTH Aachen.
- Risikoanalysen für digitale Tools (z. B. Exportierbarkeit von Daten, Kosten bei Migration).
- Service Design als Methode, um nutzer:innenzentrierte Prozesse zu entwickeln.