Kontext
Der Vortrag von Daniela Schmitz (Juniorprofessorin für innovative und digitale Lehr- und Lernformen in der multiprofessionellen Gesundheitsversorgung) beleuchtet, welche Kompetenzen notwendig sind, um in durch den Klimawandel geprägten, komplexen und unsicheren Kontexten handlungsfähig zu bleiben. Basierend auf internationalen Kompetenzrahmen aus den Bereichen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Global Health und Planetary Health werden Schlüsselkompetenzen wie systemisches, antizipatorisches, normatives und strategisches Denken analysiert und für das Themenfeld Klima und Vulnerabilität operationalisiert. Der Fokus liegt auf der Anwendung dieser Kompetenzen in der Hochschullehre, insbesondere durch szenariobasiertes Lernen.
Kernaussagen
1. Schlüsselkompetenzen für komplexe Klimaprobleme
- Für den Umgang mit Klimavulnerabilität sind fünf zentrale Schlüsselkompetenzen erforderlich (nach Wiek et al., 2011; Brundiers et al., 2021):
- Systemisches Denken: Analyse komplexer Systeme (z. B. Wechselwirkungen zwischen Hitze, Gesundheit, Infrastruktur und sozialen Faktoren).
- Antizipatorisches Denken: Einschätzung zukünftiger Entwicklungen (z. B. Prognose von Gesundheitsrisiken bei Hitzewellen).
- Normatives Denken: Abwägung von Werten (z. B. Autonomie vs. Schutzpflicht bei vulnerablen Personen).
- Strategisches Denken: Entwicklung konkreter Maßnahmen (z. B. Hitzeschutzpläne für ältere Menschen).
- Interpersonelles Denken: Kollaborative Problemlösung (z. B. Kommunikation mit Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonal).
- Integrated Problem Solving dient als Metakompetenz, um diese Einzelkompetenzen in fallbezogenen Lösungen zu integrieren.
2. Internationale Kompetenzrahmen: Stärken und Lücken
- Analysierte Frameworks (u. a. One Health, Planetary Health, WHO Climate Change and Health) fokussieren primär auf:
- Sachkompetenzen (z. B. Wissen über Klimafolgen, Risikobewertung).
- Implementierungskompetenz (z. B. Entwicklung von Maßnahmen).
- Defizite:
- Theorie-Praxis-Transfer wird oft vernachlässigt.
- Integrierte Problemlösungskompetenz ist selten explizit verankert.
- Methodenkompetenzen (z. B. Systemanalysen, Netzwerkanalysen) sind unterrepräsentiert.
- Gemeinsamkeiten der Frameworks:
- Betonung von Kommunikation, Kooperation und interprofessioneller Zusammenarbeit.
- Systemisches Denken als zentrale Sachkompetenz.
3. Operationalisierung für Klima und Vulnerabilität
- Globale Kompetenzmodelle müssen kontextspezifisch konkretisiert werden, um in Curricula nutzbar zu sein.
- Beispiel Hitzewellen-Prävention (vulnerable Gruppen wie ältere Menschen):
- Systemisches Denken: Erkennen von Wechselwirkungen (z. B. Medikamente und Dehydration).
- Antizipatorisches Denken: Planung präventiver Maßnahmen vor kritischen Situationen.
- Normatives Denken: Abwägung ethischer Prinzipien (z. B. Selbstbestimmung vs. Fürsorge).
- Strategisches Denken: Entwicklung individueller Hitzeschutzpläne.
- Interpersonelles Denken: Zusammenarbeit mit Pflegekräften, Sozialarbeit und Angehörigen.
4. Umsetzung in der Hochschullehre: Szenariobasiertes Lernen
- Methode: Szenariobasiertes Lernen (nach Errington, 2009; Schmitz & Rinas-Bahl, 2025) simuliert reale Problemstellungen in einem geschützten Raum („near life“).
- Vorteile:
- Entscheidungen haben keine negativen realen Konsequenzen und sind revidierbar.
- Transformation von abstraktem Wissen in Handlungswissen.
- Förderung von Reflexion, Kollaboration und Perspektivwechsel.
- Beispiel: Szenario einer 82-jährigen Patientin mit Herzinsuffizienz in einer Dachgeschosswohnung während einer Hitzewelle.
- Rollen: Studierende übernehmen Perspektiven von Pflegekräften, Ärzt:innen, Sozialarbeiter:innen oder Angehörigen.
- Lernziele: Risiken erkennen, Maßnahmen priorisieren, Entscheidungen begründen.
- Keine „richtige“ Lösung: Fokus auf begründete Lösungsansätze und Reflexion von Unsicherheiten.
5. Didaktische Empfehlungen
- Curriculare Anknüpfungspunkte:
- Identifikation von Schnittstellen zu bestehenden Lehrinhalten (z. B. Public Health, Pflegewissenschaft).
- Definition klarer Learning Outcomes (z. B. „Studierende können präventive Maßnahmen für Hitzewellen planen“).
- Interprofessionelle/interdisziplinäre Formate:
- Förderung von Teamarbeit und Rollenklärung (z. B. Medizin, Pflege, Sozialarbeit).
- Metakompetenz: Integrated Problem Solving als verbindendes Element der Schlüsselkompetenzen.
Fazit
- Handlungsempfehlung:
- Lehrende sollten Kompetenzrahmen kontextspezifisch operationalisieren und in szenariobasierte Lehrformate integrieren, um Studierende auf komplexe Klimaherausforderungen vorzubereiten.
- Hochschulen sollten Methodenkompetenzen (z. B. Systemanalysen) und integrierte Problemlösungskompetenz stärker in Curricula verankern.
- Studierende profitieren von interprofessionellen Lernsettings, die Perspektivwechsel und kritische Reflexion fördern.
- Ziel: Entwicklung tragfähiger und gerechter Lösungen für Nachhaltigkeitsprobleme durch die Kombination zentraler Schlüsselkompetenzen.
Quellen:
- Brundiers et al. (2021), Wiek et al. (2011), Jagals & Ebi (2021), Jacobsen et al. (2024), Schmitz & Ortloff (2025).