Kontext
Die Diskussion fand im Rahmen des University Future Festivals statt und wurde von Mitarbeiter:innen des niedersächsischen Verbundprojektes InnoTools sowie Kolleg:innen des Büros für die Belange von Studierenden mit Beeinträchtigungen der Universität Hamburg geführt. Ziel war es, Herausforderungen und Ansätze zu identifizieren, wie Barrierefreiheit in Test- und Bereitstellungsprozessen digitaler Tools an Hochschulen systematisch verankert werden kann. Zentrale Fragestellungen waren:
- Was bedeutet Barrierefreiheit im digitalen Raum?
- Wie können digitale Tools auf Barrierefreiheit getestet werden?
- Welche strukturellen und praktischen Hürden gibt es bei der Umsetzung?
- Wie lassen sich Lehrende, Hochschulen und Anbieter:innen von Tools in die Verantwortung einbinden?
Kernaussagen
1. Definition und Bedeutung digitaler Barrierefreiheit
Susanne Peschke (Koordinatorin für Barrierefreiheit, Universität Hamburg):
- Barrierefreiheit im digitalen Raum geht über visuelle Strukturierung hinaus und erfordert maschinenlesbare, bedienbare Inhalte, die mit assistiven Technologien (z. B. Screenreadern) kompatibel sind.
- Beispiel: Screenreader können nur dann sinnvoll genutzt werden, wenn Links, Überschriften und Formularfelder korrekt beschriftet und strukturiert sind.
- Zielgruppe: Rund 16 % der Studierenden in Deutschland geben an, eine gesundheitliche Beeinträchtigung zu haben, die das Studium erschwert – darunter auch psychische oder chronische Erkrankungen.
- Beleg: WCAG-Kriterien (Web Content Accessibility Guidelines) als internationaler Standard mit vier Prinzipien: Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit.
Praktisches Beispiel:
- Eine schlecht strukturierte Linkliste (z. B. mit identischen Linktexten wie „Dok-Veranstaltung“) erschwert die Navigation für Screenreader-Nutzer:innen.
2. Herausforderungen bei der Testung digitaler Tools
Verena Honkomp-Wilkens (Projektmitarbeiterin InnoTools, Universität Oldenburg):
- Fehlende Expertise im Umgang mit Test-Tools (z. B. Screenreadern) erschwert die eigenständige Prüfung von Tools.
- Barrierefreiheit ist ein „Riesenthema“, das nicht „nebenbei“ bewältigt werden kann.
- Lösungsansatz: Zentrale Beratungsstellen an Hochschulen sind notwendig, um Lehrende und Projektteams zu unterstützen.
Kim A. Jördens (Projektmitarbeiterin InnoTools, Leibniz Universität Hannover):
- Spannungsfeld zwischen hohem Zeitaufwand für barrierefreie Vorbereitung und unbekannter Zusammensetzung der Studierendengruppen vor Semesterbeginn.
- Lehrende wissen oft nicht, welche individuellen Bedarfe bestehen – standardisierte Vorbereitung ist daher schwierig.
- Offene Frage: Wie können Lehrende entlastet werden, ohne dass Barrierefreiheit vernachlässigt wird?
3. Ansätze zur systematischen Verankerung von Barrierefreiheit
a) Frühzeitige Einbindung in Beschaffungsprozesse
Susanne Peschke:
- Barrierefreiheit sollte bereits bei der Softwareauswahl als Kriterium gelten.
- Empfehlung:
- Anbieter:innen nach Testberichten oder Zertifizierungen fragen (z. B. WCAG-Konformität).
- Bei größeren Projekten: Verträge mit Klauseln zur Nachbesserung von Barrierefreiheit abschließen.
- Rechtlicher Rahmen: Seit 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das auch private Anbieter:innen zur digitalen Barrierefreiheit verpflichtet.
b) Einbindung von Betroffenen in Tests
Susanne Peschke:
- Usertests mit Studierenden mit Beeinträchtigungen (z. B. blinden oder sehbehinderten Personen) sind essenziell, um Praxisprobleme zu identifizieren.
- Umsetzung an der Universität Hamburg:
- Regelmäßige Tests durch studentische Mitarbeiter:innen mit Beeinträchtigungen.
- Bei Bedarf: Werkverträge mit externen Tester:innen (finanzielle Mittel erforderlich).
- Tools: Screenreader wie JAWS, VoiceOver (Apple) oder NVDA (kostenlos für Windows).
c) Strukturelle Verankerung an Hochschulen
Susanne Peschke:
- Notwendige Maßnahmen:
- Feste Ansprechpersonen und Gremien für Barrierefreiheit (z. B. in Digitalisierungs- oder Diversity-Strategien).
- Schulungen und Sensibilisierung für alle Hochschulangehörigen (z. B. Onboarding-Prozesse, hochschuldidaktische Kurse).
- Bereitstellung barrierefreier Vorlagen (z. B. für Präsentationen oder Newsletter).
- Hürden:
- Fehlende Verpflichtungen führen zu geringen Teilnahmezahlen an freiwilligen Schulungen.
- Finanzielle Ressourcen für externe Tests oder Nachbesserungen sind oft begrenzt.
Verena Honkomp-Wilkens:
- Universal Design for Learning (UDL) als didaktischer Ansatz: Barrierefreiheit ist Teil guter Lehre und sollte in Zertifikatsprogramme für Lehrende integriert werden.
d) Externe Anreize und Verpflichtungen
Diskutierende im Chat (u. a. Alexandra, Teilnehmer:innen):
- Forderungen:
- Kopplung von Fördermitteln (z. B. DFG, Ministerien) an Barrierefreiheitskriterien.
- Sanktionen bei Nichteinhaltung (z. B. in Akkreditierungsverfahren).
- Vorinstallation barrierefreier Software (z. B. Adobe Acrobat für PDFs, a11y-Tools) auf Arbeitsrechnern von Lehrenden.
Susanne Peschke:
- Externe Verpflichtungen können schneller zu Veränderungen führen als Appelle.
- Beispiel: Open-Access-Fonds der Universität Hamburg, der Barrierefreiheit als Kriterium für Publikationsförderung einführt.
4. Rolle der Lehrenden
Susanne Peschke:
- Lehrende tragen Mitverantwortung für barrierefreie Lehrmaterialien und -veranstaltungen, benötigen aber Unterstützung.
- Praktische Maßnahmen:
- Vorab-Kommunikation von Bedarfen (z. B. „Bei Bedarf an Barrierefreiheit melden Sie sich bitte per E-Mail“).
- Nutzung barrierefreier Vorlagen und Tools (z. B. Screenreader-kompatible PDFs).
- Herausforderung: Zeitmangel und fehlende Kompetenzen – hier sind zentrale Supportstrukturen entscheidend.
Kim A. Jördens:
- Lehrende stehen vor dem Dilemma, dass sie Bedarfe oft erst kurz vor Semesterbeginn kennen, aber Vorbereitungszeit fehlt.
5. Technologische Entwicklungen: KI als Unterstützung
Susanne Peschke:
- KI kann bei der Umsetzung von Barrierefreiheit helfen, z. B.:
- Automatisierte Prüfung von PDFs auf Strukturfehler (z. B. PDF Accessibility Checker mit KI-Integration).
- Vorschläge für Alternativtexte bei Bildern.
- Einschränkung: KI ersetzt keine manuelle Prüfung, da Fehler möglich sind und die Verantwortung bei den Hochschulen bleibt.
Offene Fragen
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Finanzierung und Ressourcen:
- Wie können Hochschulen langfristig die Mittel für Usertests und Nachbesserungen sicherstellen?
- Sollten externe Fördergeber:innen Barrierefreiheit als verbindliches Kriterium einführen?
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Verpflichtungen vs. Freiwilligkeit:
- Sind verpflichtende Schulungen für Lehrende und Verwaltungsmitarbeiter:innen sinnvoll – oder überfordern sie die Beteiligten?
- Wie kann die Motivation für freiwillige Angebote erhöht werden?
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Skalierbarkeit im Verbund:
- Wie lassen sich Workflows zur Barrierefreiheit in hochschulübergreifenden Projekten (z. B. InnoTools) einheitlich umsetzen, ohne dass jede Hochschule eigene Prozesse entwickelt?
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Praxistransfer:
- Wie kann sichergestellt werden, dass Richtlinien und Schulungen tatsächlich in der Lehre ankommen (z. B. bei der Erstellung von Dokumenten durch Lehrende)?
- Welche Anreize (z. B. Zertifikate, Entlastungsstunden) wären wirksam?
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KI und Barrierefreiheit:
- Welche weiteren KI-Tools könnten die Umsetzung von Barrierefreiheit erleichtern – und wo liegen ihre Grenzen?
Ergebnis
Die Diskussion zeigte, dass Barrierefreiheit in der digitalen Hochschullehre ein Querschnittsthema ist, das strukturelle, technische und didaktische Maßnahmen erfordert. Folgende Punkte wurden als vorläufige Ergebnisse festgehalten:
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Handlungsempfehlungen für Hochschulen:
- Barrierefreiheit frühzeitig in Beschaffungsprozesse und Digitalisierungsstrategien integrieren.
- Betroffene einbinden: Usertests mit Studierenden mit Beeinträchtigungen durchführen.
- Zentrale Supportstrukturen schaffen (Beratungsstellen, Schulungen, Vorlagen).
- Externe Verpflichtungen nutzen (z. B. Förderkriterien, Akkreditierung).
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Lehren für die Teilnehmenden:
- Barrierefreiheit ist kein Nischenthema, sondern betrifft eine große und diverse Gruppe von Studierenden.
- Kleine Maßnahmen (z. B. barrierefreie Dokumente, klare Kommunikation von Bedarfen) können bereits einen Unterschied machen.
- KI-Tools können unterstützen, ersetzen aber keine manuelle Prüfung.
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Weiterer Diskussionsbedarf:
- Die Umsetzung von Richtlinien in die Praxis bleibt eine Herausforderung – hier sind Monitoring und Evaluation notwendig.
- Die Rolle der Lehrenden muss weiter diskutiert werden: Wie können sie entlastet werden, ohne dass Barrierefreiheit vernachlässigt wird?
- Hochschulübergreifende Lösungen (z. B. gemeinsame Testverfahren) könnten Ressourcen bündeln.
Ausblick:
Die Teilnehmenden betonten die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Austauschs zwischen Hochschulen, Projekten wie InnoTools und Betroffenen, um Best Practices zu entwickeln und Barrierefreiheit nachhaltig zu verankern.