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Sichtbarkeit ist kein Soft Skill! Wie digitale Räume Fairness an Hochschulen ermöglichen

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Kontext

An Hochschulen scheitern gute Ideen häufig nicht an mangelnder Qualität, sondern an fehlender Sichtbarkeit. Informelle Netzwerke begünstigen vor allem extrovertierte Personen oder solche mit bestehenden Kontakten, was strukturelle Ungleichheiten verstärkt. Die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München entwickelt mit STORY+MATCH eine browserbasierte Plattform, die als neutraler „Matchmaker“ fungiert: Statt persönlicher Netzwerke rücken Inhalte in den Vordergrund. Der Vortrag beleuchtet die Entwicklung des Tools, seine Ziele und die Herausforderungen bei der Einführung digitaler Lösungen für mehr Chancengerechtigkeit.


Kernaussagen

1. Sichtbarkeit als Infrastruktur – nicht als Soft Skill

  • Problem: Informelle Netzwerke an Hochschulen benachteiligen Studierende, die aufgrund von Sorgearbeit, Erwerbstätigkeit oder physischen Barrieren (z. B. nicht barrierefreie Räume) ausgeschlossen sind.
  • Lösungsansatz: Sichtbarkeit wird als gestaltbare Infrastruktur verstanden, die gezielt Chancengleichheit bei der Projektanbahnung fördert.
  • Beispiel: An der HFF München entstehen jährlich über 200 Filme, doch Drehbuchstudierende wie „Kim“ (fiktives Beispiel) scheitern oft daran, ihre Ideen sichtbar zu machen – nicht wegen mangelnder Qualität, sondern fehlender Vernetzung.

2. STORY+MATCH: Fokus auf Inhalte statt Personen

  • Funktionsweise: Die Plattform macht Projekte über standardisierte „Storycards“ sichtbar, die nach neutralen Kriterien filterbar sind (z. B. Genre, Entwicklungsstand, Teambedarf).
    • Beispiel: Kim legt eine Storycard für ihr Projekt „Mundgeflüster“ an, die Logline, Moodbild und Kerninformationen enthält. Andere Studierende können diese über QR-Codes oder Links teilen oder im Pool nach passenden Projekten suchen.
  • Ziel: Abteilungsübergreifende Vernetzung (z. B. Drehbuch + Regie + Produktion) und Reduktion von Abhängigkeiten von sozialen Netzwerken.
  • Vertrauen: Die Plattform ist HFF-intern, Studierende behalten die Kontrolle über Sichtbarkeit und Daten. Urheberschaft wird dokumentiert, um Machtgefälle (z. B. bei Credit-Nennungen) zu vermeiden.

3. Digitale Räume als Ergänzung – nicht Ersatz – sozialer Prozesse

  • Philosophie: STORY+MATCH soll persönlichen Austausch unterstützen, nicht ersetzen. Die Plattform senkt Hürden für die erste Kontaktaufnahme (z. B. durch Visualisierung von Projekten), bleibt aber ein Werkzeug für reale Zusammenarbeit.
  • Erfolgsmessung: Nutzer:innen sollen die Plattform verlassen, sobald ein Team gefunden ist – im Gegensatz zu „Dark Patterns“, die Nutzer:innen binden. Das Ziel ist die Umsetzung von Projekten, nicht die Maximierung von Nutzungszeiten.

4. Open Source als Hebel für Demokratisierung

  • Public Money, Public Code: Die Plattform wird als Open-Source-Lösung entwickelt, um Anpassungen an andere Hochschulen zu ermöglichen.
    • Konfiguration: Kernfunktionen (z. B. Storycards, Pool) bleiben erhalten, aber Attribute (z. B. Genre, Teamrollen) sind individuell einstellbar.
    • Hosting: Geplant ist ein Git-Repository, das Hochschulen selbst hosten können. Die HFF kann aufgrund begrenzter Projektlaufzeit (bis 2027) nur bis dahin aktiv entwickeln.
  • Potenzial: Anwendungsfälle reichen von Filmhochschulen bis zu ingenieurwissenschaftlichen Projekten (z. B. interdisziplinäre Gruppenarbeiten, Exkursionsbörsen).

5. Herausforderungen bei der Einführung

  • Akzeptanz: Traditionelle Strukturen (z. B. Autorenfilm an der HFF) können digitale Tools als Bedrohung wahrnehmen. Kommunikation muss betonen, dass STORY+MATCH Alternativen schafft, ohne bestehende Praktiken zu verbieten.
  • Integration: Digitale und reale Netzwerke müssen nahtlos ineinandergreifen. Beispiel: Storycards werden auf Stammtischen oder in Seminaren präsentiert, um bestehende Pitch-Kultur zu ergänzen.
  • Nutzer:innen-Einbindung: Während der Konzeptphase gab es viel Feedback von Studierenden und Lehrenden, doch die Umsetzung gestaltet sich schwieriger. Transparente Entwicklungsschritte und Onboarding auf Augenhöhe sind entscheidend.

Fazit

Handlungsempfehlungen:

  1. Hochschulen sollten Sichtbarkeit als Infrastrukturaufgabe begreifen und digitale Tools wie STORY+MATCH einsetzen, um informelle Netzwerke zu entlasten.
  2. Verantwortungsvolles Design: Plattformen müssen Nutzer:innenfreundlichkeit und Chancengerechtigkeit priorisieren – z. B. durch Verzicht auf Dark Patterns und klare Urheberrechtsdokumentation.
  3. Open Source nutzen: Durch die Bereitstellung als Open-Source-Projekt können andere Institutionen die Lösung adaptieren und weiterentwickeln (z. B. für interdisziplinäre Projekte oder Lerngruppen).
  4. Kommunikation: Die Einführung erfordert sorgfältige Begleitung, um Vorbehalte abzubauen und die Ergänzung – nicht Ersetzung – sozialer Prozesse zu betonen.

Botschaft: Digitale Räume können Demokratisierung von Chancen vorantreiben, wenn sie gezielt als neutrale Vermittler gestaltet werden. STORY+MATCH zeigt, wie Hochschulen durch Open Source und nutzer:innenzentrierte Entwicklung Fairness strukturell verankern können – ohne kreative oder soziale Prozesse zu ersetzen.

Fragen & Antworten

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Wie ist die Veröffentlichung von STORY+MATCH geplant?

Die Plattform wird 2027 als Open-Source-Lösung veröffentlicht. Geplant ist die Bereitstellung über ein Git-Repository, sodass andere Hochschulen die Software selbst hosten und die Parameter individuell anpassen können.

Könnte STORY+MATCH auch in anderen Fachbereichen, wie zum Beispiel im Ingenieurwesen, eingesetzt werden?

Ja, das ist möglich und erwünscht. Die Plattform ist so konzipiert, dass Attribute konfigurierbar sind, wodurch sie auch für interdisziplinäre Projektarbeiten, Exkursionsbörsen oder Lerngruppen in anderen Disziplinen wie Maschinenbau oder Informatik nutzbar ist.

Diagramm

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100%
mindmap
  root)Sichtbarkeit als Infrastruktur für Fairness(
    ["Sichtbarkeit ≠ Soft Skill"]
      ["Informelle Netzwerke benachteiligen"]
      ["Sichtbarkeit als gestaltbare Infrastruktur"]
    ["STORY+MATCH Plattform"]
      ["Storycards für neutrale Projektpräsentation"]
      ["HFF-intern & nutzerkontrolliert"]
    ["Digitale Räume ergänzen soziale Prozesse"]
      ["Unterstützt erste Kontaktaufnahme"]
      ["Ziel: Projektumsetzung, nicht Nutzerbindung"]
    ["Open Source für Demokratisierung"]
      ["Public Money, Public Code"]
      ["Anpassbar für andere Hochschulen"]
    ["Herausforderungen der Einführung"]
      ["Akzeptanz traditioneller Strukturen"]
      ["Integration digitaler & realer Netzwerke"]