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Letting Go: Vom Ende guter Ideen

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Zusammenfassung

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Kontext

Die Session thematisiert das bewusste Beenden von Projekten, Initiativen oder Ideen im Hochschulkontext – ein Aspekt, der im Vergleich zu Projektstarts und Erfolgen (z. B. Drittmittelakquise) selten diskutiert wird. Anhand persönlicher Erfahrungen der Referent:innen und struktureller Analysen wird untersucht, warum Hochschulen Schwierigkeiten haben, Ideen loszulassen, und wie eine Kultur des Scheiterns produktiv gestaltet werden kann. Der Vortrag verbindet dabei Perspektiven aus Organisationsentwicklung, Hochschulpolitik und emotionaler Bindung an Projekte.


Kernaussagen

1. Kultur der Anfänge vs. Kultur des Endes

  • Hochschulen feiern Erfolge (Drittmittel, Publikationen, Projektstarts), während das Beenden von Projekten oder das Eingestehen von Scheitern kaum Raum erhält.
  • Es fehlen Narrative und institutionalisierte Räume, um über das Ende von Ideen zu sprechen. Stattdessen dominiert die „Schauseite“ der Organisation (z. B. Hochglanzkommunikation), während Misserfolge anonym oder verklausuliert als „Herausforderungen“ diskutiert werden.
  • Beispiel: In anonymen Gesprächen mit Projektkoordinator:innen zeigen sich Diskrepanzen zwischen öffentlicher Darstellung („agile Lösungen“) und Realität (fehlende Führung, ineffiziente Strukturen).

2. Strukturelle Hürden beim Loslassen

  • Institutionelle Abhängigkeiten: Drittmittelprojekte sind oft mit hohen Summen (z. B. 3–5 Mio. €) und Stellen verbunden. Ein Eingeständnis des Scheiterns gefährdet Finanzierungen und Reputation.
  • Politische Dynamiken: Hochschulpolitik ist von Erfolgserwartungen geprägt – sowohl auf individueller Ebene (Karriere) als auch auf Leitungsebene (Wettbewerb um Studierende/Drittmittel).
  • Hierarchien und Machtgefälle: Projektkoordinator:innen ohne Weisungsbefugnis (z. B. „jung, weiblich, ohne Titel“) haben kaum Einfluss auf Entscheidungen zum Projektende.
  • Beispiel: Studiengänge werden selten eingestellt, da klare Indikatoren für „Erfolglosigkeit“ fehlen (z. B. Studierendenzahlen vs. inhaltliche Relevanz kleiner Fächer).

3. Emotionale Bindung: Der „Babyeffekt“

  • Persönliche Identifikation: Ideen werden wie „Babys“ behandelt – die investierte Energie und emotionale Bindung erschweren eine objektive Bewertung.
  • Angst vor Verlust: Das Ende eines Projekts wird als persönliches Scheitern wahrgenommen, besonders wenn es mit der eigenen Karriere verknüpft ist.
  • Umfrageergebnis: Teilnehmer:innen nannten als Hauptgründe für das Festhalten an Projekten „viel investierte Energie“ und den „Babyeffekt“.

4. Psychologische Sicherheit als Schlüssel

  • Fehlerkultur: Eine produktive Auseinandersetzung mit Scheitern erfordert emotionale Sicherheit – das Gefühl, Fehler ohne berufliche oder soziale Sanktionen ansprechen zu dürfen.
  • Vertrauen und Mindset: Kulturwandel gelingt nicht durch strukturelle Vorgaben, sondern durch informelle Räume (z. B. Mensa-Gespräche, Bierchen nach der Arbeit) und ein gemeinsames Verständnis, dass Scheitern Teil des Lernprozesses ist.
  • Beispiel: In forschungsorientierter Lehre können Studierende Scheitern als Lernanlass erleben (z. B. „Warum hat mein Experiment nicht funktioniert?“).

5. Reframing: Von Scheitern zu „Lessons Learned“

  • Systematische Reflexion: Statt Projekte als „gescheitert“ zu deklarieren, sollten Lernanlässe betont werden (z. B. „Was nehmen wir aus diesem Projekt mit?“).
  • Die „Warum-Frage“: Routinen hinterfragen („Warum machen wir das eigentlich so?“) hilft, veraltete Strukturen zu identifizieren und Mut für Veränderungen zu entwickeln.
  • Praktische Ansätze:
    • 180/20-Regel: 20 % der Prozesse infrage stellen, um Freiräume für Innovation zu schaffen.
    • Informelle Formate: Austausch außerhalb formaler Gremien (z. B. Ausschüsse) senkt die Hürde für ehrliche Gespräche.
    • Konferenzen/Workshops: Tracks wie „Fail & Learn“ oder „Lessons Learned“ (statt „Scheitern“) erhöhen die Teilnahmebereitschaft.

Fazit

Handlungsempfehlungen für Hochschulen:

  1. Räume schaffen: Institutionalisierte, aber geschützte Formate (z. B. anonyme Feedbackrunden, informelle Austauschformate) etablieren, um über Projektenden zu sprechen.
  2. Mindset ändern: Scheitern als Lernchance reframen – z. B. durch regelmäßige Reflexion („Was haben wir gelernt?“) in Teamsitzungen.
  3. Mut zur Informalität: Formale Gremien um niedrigschwellige Dialoge (z. B. Mensa, Kaffeepausen) ergänzen, um psychologische Sicherheit zu stärken.
  4. Führung einbinden: Hochschulleitungen müssen Vorbildfunktion übernehmen, indem sie Scheitern enttabuisieren und Ressourcen für Experimentierräume bereitstellen.
  5. Studierende einbeziehen: Forschungsorientierte Lehre nutzen, um Scheitern als Teil des wissenschaftlichen Prozesses erlebbar zu machen.

Botschaft: Das Loslassen von Ideen ist kein Versagen, sondern ein notwendiger Schritt für Innovation. Hochschulen brauchen eine Kultur, die Fehler zulässt, Lernen priorisiert und Vertrauen in die Akteur:innen setzt – statt auf Perfektion und Wettbewerbsdruck zu setzen.