Kontext
Studentisch organisierte Lehrformate wie die Projektwerkstätten der TU Berlin existieren seit über 40 Jahren und ergänzen das reguläre Lehrangebot. Sie zielen darauf ab, theoretische Hochschulbildung mit praktischer Anwendung zu verknüpfen und gesellschaftliche Fragestellungen in den Fokus zu rücken. Angesichts multipler globaler Krisen (Klimawandel, Kriege, soziale Ungleichheit) gewinnt dieses Format an Aktualität, da es Studierende befähigt, aktiv Lösungen für drängende Probleme zu entwickeln und Schlüsselkompetenzen zu erwerben.
Kernaussagen
1. Konzept der Projektwerkstätten
- Definition: Studentisch organisierte, selbstverwaltete Lehrveranstaltungen mit Projektcharakter, die seit den 1980er-Jahren an der TU Berlin etabliert sind.
- Ziele:
- Schließung von Lücken im Lehrangebot.
- Verbindung von Theorie und Praxis.
- Gesellschaftliche Kontextualisierung technologischer und wissenschaftlicher Entwicklungen (z. B. KI, Nachhaltigkeit).
- Förderung von Innovation in der Lehre.
- Ablauf:
- Studierende identifizieren ein Thema oder eine Lehrlücke.
- Erarbeitung eines Projektantrags inkl. Konzept, Finanzplanung und Modulbeschreibung.
- Individuelle Beratung durch die Kooperations- und Beratungsstelle für Umweltfragen (kubus) zu Didaktik und Organisation.
- Förderentscheidung durch die Kommission für Studium und Lehre und den Vizepräsidenten für Studium und Lehre (2x jährlich).
- Durchführung des Projekts über zwei Jahre mit interdisziplinären Gruppen.
- Förderung:
- Zwei Tutor*innenstellen (40 Std./Monat, Anstellung als studentische Beschäftigte).
- Sachmittelbudget (begrenzt).
- Auswahlkriterien: Innovative Lehrmethodik, Nachhaltigkeit, Interdisziplinarität, Gender- und Diversity-Aspekte.
2. Strukturelle Rahmenbedingungen für Erfolg
- Ressourcen:
- Bezahlte Tutor*innenstellen als zentraler Motivationsfaktor (verhindert soziale Selektion).
- Bereitstellung von Infrastruktur (Räume, IT-Zugang, Lernplattformen wie ISIS/Moodle).
- Anrechenbarkeit als Studienleistung (3–6 Leistungspunkte, benotet oder unbenotet).
- Unterstützung:
- Überfachliche Beratung (z. B. durch kubus) zu Didaktik, Organisation und Antragstellung.
- Fachliche Betreuung durch ein Fachgebiet (formale Verantwortung liegt bei einer Professorin oder einem Professor).
- Qualitätssicherung durch Antragsverfahren und Berichtswesen.
- Freiheiten:
- Inhaltliche und methodische Gestaltungsfreiheit für Studierende.
- Angemessene Projektdauer (2 Jahre) zur Förderung von Innovation und Fehlerfreundlichkeit.
- Vertrauenskultur:
- Anerkennung der Handlungsfähigkeit von Studierenden als erwachsene Personen.
- Vertrauen in deren Willen und Fähigkeit, Projekte eigenständig umzusetzen.
3. Förderung von Schlüsselkompetenzen
- Soziale und kommunikative Fähigkeiten:
- Konsensfindung bei unterschiedlichen Perspektiven (z. B. zwischen Studierenden, Tutor*innen, Professor*innen, externen Partner*innen).
- Verhandlungsgeschick im Umgang mit Hierarchien (z. B. Aushandlung von Freiräumen mit Lehrenden).
- Interdisziplinäre Kommunikation: Übersetzungsleistungen zwischen Fachrichtungen und kritische Reflexion der eigenen Disziplin.
- Transdisziplinarität: Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Übersetzung wissenschaftlicher Inhalte.
- Selbstwirksamkeit:
- Transformation von passiven Wissensempfänger*innen zu aktiven Gestalter*innen.
- Erfahrung, dass eigene Ideen in handfeste Ergebnisse münden (z. B. Veranstaltungen, Publikationen, Prototypen).
- Stärkung des Vertrauens in die eigene Handlungsfähigkeit, übertragbar auf andere Lebensbereiche.
4. Nutzen für die Hochschule
- Lehre und Forschung:
- Integration aktueller Zukunftsthemen (z. B. KI, Klimagerechtigkeit) in das Curriculum.
- Öffnung der Wissenschaft durch Inter- und Transdisziplinarität.
- Erschließung neuer Praxiskontexte für Forschung (z. B. Kooperationen mit NGOs, Unternehmen).
- Nachwuchsförderung:
- Vorbereitung auf wissenschaftliche Berufsbilder (z. B. Antragstellung, Projektmanagement).
- Bindung der Studierenden an die Hochschule (potenzielle Senkung von Abbruchquoten).
- Gesellschaftlicher Impact:
- Brücke zwischen Hochschule und Stadt/Gesellschaft (z. B. durch Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteur*innen).
- Ermöglichung von Partizipation und Demokratisierung der Hochschulkultur.
5. Finanzielle Effizienz
- Geringer Ressourcenaufwand bei hoher Wirkung:
- Studentische Stellen sind kostengünstig im Vergleich zu anderen Lehrformaten.
- Verhältnismäßig niedrige Sachmittel (Studierende werben oft zusätzliche Mittel ein).
- Hoher Output in Bezug auf Kompetenzvermittlung, gesellschaftliche Relevanz und Innovationskraft.
Fazit
Studentisch organisierte Lehre wie die Projektwerkstätten der TU Berlin bietet ein kosteneffizientes, partizipatives und zukunftsorientiertes Lehrformat, das:
- Studierende zu selbstwirksamen, interdisziplinär denkenden und gesellschaftlich engagierten Akteur*innen befähigt.
- Hochschulen durch innovative Themen, Nachwuchsförderung und gesellschaftliche Öffnung bereichert.
- Gesellschaftliche Herausforderungen adressiert, indem reale Probleme in die Lehre integriert werden.
Handlungsempfehlung:
Hochschulen sollten das Modell institutionell verankern und folgende Rahmenbedingungen sicherstellen:
- Finanzielle Absicherung (bezahlte Tutor*innenstellen, Sachmittel).
- Strukturelle Unterstützung (Beratung, Betreuung, Qualitätssicherung).
- Vertrauenskultur (Gestaltungsfreiheit, Fehlerfreundlichkeit, Anerkennung studentischer Agency).
- Sichtbarkeit und Zugänglichkeit (z. B. durch zentrale Bewerbung der Antragsrunden).
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