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Zwischen Freiheit, Vereinnahmung und Verantwortung: Wissenschaft im Stresstest

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Zusammenfassung

KI-generierter Inhalt

Titel: Zwischen Freiheit, Vereinnahmung und Verantwortung: Wissenschaft im Stresstest Veranstaltung: University Festival Datum: 22. Juni 2026 Dauer: 30 Minuten Moderation: Heike Bartholomäus (BTU Cottbus-Senftenberg) Teilnehmer:innen:

  • Prof. Dr. Hartmut Graßl (em. Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, Vorsitzender des Beirats der VDW)
  • Dr. Maria Reinisch (Geschäftsführung, Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e. V. – VDW)
  • Prof. Dr. Alexandra Retkowski (BTU Cottbus-Senftenberg, per Videobotschaft vertreten)
  • Heike Bartholomäus (BTU Cottbus-Senftenberg, Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung)

1. Kontext

Die Diskussion adressierte das Spannungsfeld zwischen Wissenschaftsfreiheit, gesellschaftlicher Verantwortung und politischer Vereinnahmung in Zeiten globaler Krisen und geopolitischer Spannungen. Ausgangspunkt war das „Hamburger Manifest“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) mit dem Titel „Wissenschaft für Frieden, Verantwortung und globale Kooperation“, das als Impuls für die Debatte diente.

Zentrale Fragestellungen:

  1. Kann Wissenschaft unpolitisch sein?
    • Wie verändert sich die Rolle von Wissenschaftler:innen in gesellschaftlichen Krisen?
  2. Wo verläuft die Grenze zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und politischer Vereinnahmung?
    • Wer entscheidet über diese Grenze?
  3. Wie verändern geopolitische Spannungen wissenschaftliche Kooperationen?
    • Welche Zielkonflikte entstehen zwischen Offenheit und Forschungssicherheit?
  4. Wie können Hochschulen Räume für Reflexion und Dissens schaffen?

Die Session verband wissenschaftspolitische Positionen (z. B. VDW, DFG, Leopoldina) mit praktischen Erfahrungen aus der Forschungspraxis.


2. Kernaussagen

2.1 Position: Wissenschaft muss Verantwortung aktiv gestalten – aber Grenzen wahren

Vertreten durch: Maria Reinisch (VDW)

Argumente und Beispiele:

  • Verantwortung als Kernauftrag: Wissenschaft ist stets in gesellschaftliche und politische Kontexte eingebettet. Beispiel: Der Spektroskopiker John Tyndall (19. Jh.) entdeckte den Treibhauseffekt im Rahmen eines industriepolitischen Auftrags – ein Beleg dafür, dass auch „unpolitische“ Forschung politische Implikationen hat.

    • „Wissenschaft war stets in ein gesellschaftliches und damit politisches Umfeld eingebettet.“
  • Grenzen der Verantwortung: Wissenschaftler:innen dürfen fachliche Befunde (z. B. zu Klimarisiken) und Handlungsoptionen kommunizieren, sollten aber keine konkreten politischen Forderungen stellen.

    • „Wenn eine Wissenschaftlerin sagt ‚die Daten zeigen eine Gefahr‘, ist das Verantwortung. Wenn sie sagt ‚deshalb muss genau diese Politik umgesetzt werden‘, hat sie die Rolle gewechselt.“
  • Selbstverpflichtung und Transparenz: Die wissenschaftliche Gemeinschaft muss selbst über Grenzen wachen – durch Offenlegung von Methoden, Kritikfähigkeit und Bereitschaft zur Selbstkorrektur.

    • „Am Ende ist es die wissenschaftliche Gemeinschaft, die durch Transparenz und Kritik Verantwortung bezieht.“
  • Internationale Kooperationen als Deeskalationsinstrument: Wissenschaftliche Kontakte sind in Konflikten oft die letzten funktionierenden Kanäle (z. B. zu Russland oder China). Ein pauschaler Abbruch von Kooperationen gefährdet Lösungsräume für globale Krisen (Klimawandel, KI, nukleare Bedrohung).

    • „Wenn wir wissenschaftliche Kontakte kappen, verlieren wir Möglichkeiten zur Deeskalation.“
  • Gefahr der Unterwanderung: Wissenschaftliche Organisationen (wie die VDW) müssen sich vor Interessengruppen schützen, die ihre Glaubwürdigkeit für politische Ziele instrumentalisieren wollen.

    • „Es gibt Interessengruppen, die versuchen, wissenschaftliche Vereinigungen zu unterwandern – nicht weil sie unsere Werte teilen, sondern weil sie unsere Glaubwürdigkeit nutzen wollen.“

2.2 Position: Wissenschaft hat die Pflicht, gesellschaftlich relevante Befunde öffentlich zu kommunizieren

Vertreten durch: Hartmut Graßl

Argumente und Beispiele:

  • Stellungnahme als wissenschaftliche Pflicht: Wissenschaftler:innen müssen wesentliche neue Befunde (z. B. zum Klimawandel) öffentlich und gegenüber der Politik kommunizieren – idealerweise als geschlossene Gruppe, um Wirkung zu entfalten.

    • „Wissenschaft muss sogar in der Öffentlichkeit und an die Politik gerichtet immer Stellung zu wesentlichen neuen wissenschaftlichen Befunden beziehen.“
  • Historisches Beispiel Klimaforschung: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft veröffentlichte 1986 ein Memorandum zur menschengemachten Klimaänderung, das zunächst aus politischen Gründen zurückgehalten wurde. Erst durch eine Bundesratsinitiative (1987) wurde das Thema auf die politische Agenda gesetzt.

    • „Wissenschaftler müssen als Gruppe ihre wichtigen Befunde der Öffentlichkeit bekannt machen.“
  • Wissenschaftsfreiheit als Grundlage für Wohlstand: Demokratische Länder profitieren langfristig von offener Wissenschaft und dem freien Austausch von Erkenntnissen. Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit gefährden diesen Wohlstand.

    • „Wissenschaftsfreiheit garantiert den Wohlstand eines Landes auf lange Sicht.“
  • Geopolitische Bedrohungen: Aktuelle Konflikte (z. B. Ukraine-Krieg) führen zu Einschränkungen internationaler Kooperationen (z. B. Abbruch von Arktisforschung mit Russland). Dies schwächt die globale Wissenschaftsgemeinschaft.

    • „Die gewohnte weltweite Zusammenarbeit der Wissenschaftler aller Länder wird durch politische Beschlüsse begrenzt.“

2.3 Position: Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Offenheit – Selbstzensur und Konformitätsdruck

Vertreten durch: Heike Bartholomäus (indirekt auch Alexandra Retkowski)

Argumente und Beispiele:

  • Forschungssicherheit vs. Wissenschaftsfreiheit: Sicherheitsinteressen (z. B. Dual-Use-Regulierung, Exportkontrollen) führen zu stillschweigenden Verschiebungen im Verständnis von Wissenschaftsfreiheit:

    1. Prüfung internationaler Kooperationen: Selbstverständliche Partnerschaften (z. B. mit China oder Russland) werden heute systematisch auf Sicherheitsrisiken geprüft.
    2. Dual-Use in der Grundlagenforschung: Themen wie Quantentechnologien oder KI erhalten plötzlich militärische Relevanz, obwohl sich die Forschung selbst nicht ändert.
    3. Selbstzensur: Wissenschaftler:innen halten sich aus Angst vor Reputationsschäden oder Verdacht vorsorglich zurück – noch bevor externe Akteure eingreifen.
      • „Wissenschaftler:innen zensieren sich selbst, bevor sie überhaupt jemand fragt.“
  • Konformitätsdruck in sensiblen Themenfeldern: Eine Umfrage der FU Berlin ergab, dass 79 % der Wissenschaftler:innen die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland positiv bewerten, gleichzeitig berichten viele von:

    • Selbstzensur (z. B. in „Hot Potatoes“-Themen wie Migration oder Sicherheitspolitik).
    • Konformitätsdruck aus Sorge vor Reputationsschäden.
    • „In sensiblen Themenfeldern berichten Forschende von einem wachsenden Konformitätsdruck.“
  • Individuelle Verantwortung und wissenschaftliche Haltung: Alexandra Retkowski (per Videobotschaft) betonte die persönliche Reflexionsfähigkeit von Wissenschaftler:innen. Hochschulen müssen Räume für Dissens schaffen, in denen Spannungen zwischen Neutralität und politischer Wirkung ausgehalten werden können.

    • „Hochschulen brauchen moderierte Lern- und Reflexionsräume, in denen das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung sicher ausgehalten wird.“

2.4 Gemeinsame Schnittmengen

Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte herrschte Konsens in folgenden Punkten:

  1. Wissenschaft ist nicht unpolitisch, aber sie muss Grenzen zwischen Befunden und Forderungen wahren.
  2. Internationale Kooperationen sind essenziell für globale Krisenlösungen, erfordern aber kritische Prüfung (z. B. Dual-Use-Risiken).
  3. Transparenz und Selbstverpflichtung sind zentrale Mechanismen, um Verantwortung zu übernehmen, ohne die Freiheit zu verlieren.
  4. Hochschulen müssen Reflexionsräume schaffen, um mit den Spannungen zwischen Freiheit, Sicherheit und Verantwortung umzugehen.

3. Offene Fragen

Folgende Punkte blieben ungeklärt oder wurden kontrovers diskutiert:

  1. Wer entscheidet über die Grenze zwischen Verantwortung und Vereinnahmung?

    • Gibt es eine verbindliche Instanz (z. B. Ethikkommissionen, Fachgesellschaften), oder bleibt dies der individuellen Verantwortung der Wissenschaftler:innen überlassen?
    • „Am Ende gibt es von außen keine Instanz, die das verbindlich feststellt.“ (Maria Reinisch)
  2. Wie kann Selbstzensur verhindert werden?

    • Wie lassen sich sichere Räume für kontroverse Forschung schaffen, ohne dass Wissenschaftler:innen aus Angst vor Reputationsschäden schweigen?
  3. Praktische Umsetzung von Forschungssicherheit:

    • Wie kann Due Diligence (z. B. Prüfung von Kooperationen) so gestaltet werden, dass sie kein bürokratisches Hindernis wird, aber gleichzeitig Risiken minimiert?
    • „Forschungssicherheit darf kein nachträglicher Checkbox-Prozess sein.“ (Abschlussimpuls)
  4. Umgang mit geopolitischen Konflikten:

    • Wo sollten rote Linien für Kooperationen gezogen werden (z. B. mit autoritären Regimen), und wie lässt sich vermeiden, dass diese zu pauschalen Ausschlüssen führen?
    • „Systemrivalität erfordert Vorsicht, aber rote Linien sollten die absolute Ausnahme bleiben.“ (Abschlussimpuls)
  5. Rolle der Wissenschaft in der Öffentlichkeit:

    • Wie kann Wissenschaft gesellschaftliche Erwartungen nach klaren Positionen erfüllen, ohne ihre Neutralität zu verlieren?
    • „Was passiert, wenn wissenschaftliche Neutralität gesellschaftlich als Schweigen wahrgenommen wird?“ (Folie)

4. Ergebnis

Die Diskussion zeigte, dass das Spannungsfeld zwischen Freiheit, Verantwortung und Vereinnahmung kein theoretisches Problem, sondern eine alltägliche Herausforderung für Wissenschaftler:innen und Hochschulen ist. Als vorläufige Ergebnisse lassen sich festhalten:

4.1 Geklärte Punkte:

  • Wissenschaft trägt Verantwortung – die Frage ist nicht ob, sondern wie sie diese wahrnimmt.
    • Verantwortung entsteht nicht erst am Ende der Forschung, sondern bereits in Forschungsdesigns, Kooperationen und Kommunikationsprozessen.
  • Wissenschaftsfreiheit ist kein Rückzug aus der Gesellschaft, sondern deren Voraussetzung für Fortschritt und Wohlstand.
  • Internationale Kooperationen bleiben trotz geopolitischer Spannungen unverzichtbar, erfordern aber kritische Reflexion (z. B. Dual-Use-Risiken).

4.2 Appelle an Wissenschaft, Politik und Gesellschaft:

  1. Freiheit der Forschung wahren:
    • Wissenschaftsfreiheit muss aktiv geschützt werden, da sie die Grundlage für Innovation und Wohlstand ist.
  2. Wissenschaftliche Erkenntnisse anerkennen:
    • Politik und Gesellschaft müssen evidenzbasierte Befunde ernst nehmen, auch wenn sie unangenehm sind.
  3. Verantwortung stärken:
    • Wissenschaftler:innen müssen Transparenz, Selbstkritik und Dialogbereitschaft leben.
  4. Räume für Dissens schaffen:
    • Hochschulen sollten moderierte Reflexionsformate etablieren, in denen Spannungen zwischen Freiheit und Verantwortung ausgehalten und diskutiert werden können.
    • „Es geht nicht darum, diese Spannungen aufzulösen, sondern Räume zu schaffen, in denen Wissenschaft Verantwortung übernehmen kann, ohne ihre Freiheit zu verlieren.“ (Abschlussimpuls)

4.3 Handlungsempfehlungen aus dem Hamburger Manifest (VDW):

  • Risiken antizipieren: Forschungssicherheit muss tief ins Forschungsdesign integriert werden (z. B. durch Due-Diligence-Prüfungen).
  • Diplomatie kalibrieren: Wissenschaftliche Kommunikationskanäle sollten als letztes diplomatisches Band in Konflikten geschützt werden.
  • Dissensräume etablieren: Hochschulen müssen Lern- und Reflexionsräume schaffen, um mit politischen Spannungen umzugehen.

4.4 Take-Aways für die Teilnehmenden:

  • Wissenschaftler:innen wurden ermutigt, sichtbar Verantwortung zu übernehmen – aber mit klaren Grenzen zwischen Fachwissen und politischen Forderungen.
  • Hochschulen wurden aufgefordert, strukturelle Räume für Reflexion und Kritik zu schaffen (z. B. Ethikkommissionen, Weiterbildungsformate).
  • Politik und Gesellschaft wurden daran erinnert, dass Wissenschaftsfreiheit kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für demokratischen Fortschritt ist.

Quellen:

  • Hamburger Manifest der VDW (2025): „Wissenschaft für Frieden, Verantwortung und globale Kooperation“.
  • Empfehlungen der Leopoldina/DFG (2022/2024) zu Wissenschaftsfreiheit und Forschungssicherheit.
  • Umfragen zur Wissenschaftsfreiheit (z. B. FU Berlin, 2026).

Fragen & Antworten

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Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer gesellschaftlicher Verantwortung und politischer Vereinnahmung und wer entscheidet darüber?

Die Grenze verläuft beim Übergang vom fachlichen Befund zur konkreten politischen Forderung. Da es keine externe verbindliche Instanz gibt, entscheidet die wissenschaftliche Gemeinschaft selbst durch Transparenz, Offenlegung von Methoden und die Bereitschaft zur Selbstkorrektur.

Wie verändern geopolitische Spannungen wissenschaftliche Kooperationen konkret?

Jahrzehntelange Kooperationen (z. B. mit Russland) wurden abrupt beendet und Partnerschaften werden heute systematisch auf Sicherheitsrisiken geprüft. Zudem erhalten Themen der Grundlagenforschung (z. B. KI oder Quantentechnologie) plötzlich eine hohe militärische Relevanz (Dual-Use).

Können globale Herausforderungen wie der Klimawandel bearbeitet werden, wenn wissenschaftliche Kooperationen eingeschränkt sind?

Die Einschränkungen erschweren die Arbeit massiv, da globale Krisen nur international lösbar sind. Wissenschaftliche Kontakte sind oft die letzten funktionierenden Kanäle zur Deeskalation und zum Brückenbau in Konfliktsituationen.

Darf Wissenschaft politisch Stellung beziehen?

Ja, Wissenschaft muss gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik Stellung zu wesentlichen neuen wissenschaftlichen Befunden beziehen, idealerweise als geschlossene Gruppe, um Wirkung zu entfalten.

Diagramm

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100%
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    ["Handlungsempfehlungen"]
      ["Wissenschaftsfreiheit aktiv schützen"]
      ["Evidenzbasierte Politik fördern"]
      ["Diplomatische Kanäle erhalten"]