Zwischen Freiheit, Vereinnahmung und Verantwortung: Wissenschaft im Stresstest
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Titel: Zwischen Freiheit, Vereinnahmung und Verantwortung: Wissenschaft im Stresstest Veranstaltung: University Festival Datum: 22. Juni 2026 Dauer: 30 Minuten Moderation: Heike Bartholomäus (BTU Cottbus-Senftenberg) Teilnehmer:innen:
Die Diskussion adressierte das Spannungsfeld zwischen Wissenschaftsfreiheit, gesellschaftlicher Verantwortung und politischer Vereinnahmung in Zeiten globaler Krisen und geopolitischer Spannungen. Ausgangspunkt war das „Hamburger Manifest“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) mit dem Titel „Wissenschaft für Frieden, Verantwortung und globale Kooperation“, das als Impuls für die Debatte diente.
Die Session verband wissenschaftspolitische Positionen (z. B. VDW, DFG, Leopoldina) mit praktischen Erfahrungen aus der Forschungspraxis.
Vertreten durch: Maria Reinisch (VDW)
Verantwortung als Kernauftrag: Wissenschaft ist stets in gesellschaftliche und politische Kontexte eingebettet. Beispiel: Der Spektroskopiker John Tyndall (19. Jh.) entdeckte den Treibhauseffekt im Rahmen eines industriepolitischen Auftrags – ein Beleg dafür, dass auch „unpolitische“ Forschung politische Implikationen hat.
Grenzen der Verantwortung: Wissenschaftler:innen dürfen fachliche Befunde (z. B. zu Klimarisiken) und Handlungsoptionen kommunizieren, sollten aber keine konkreten politischen Forderungen stellen.
Selbstverpflichtung und Transparenz: Die wissenschaftliche Gemeinschaft muss selbst über Grenzen wachen – durch Offenlegung von Methoden, Kritikfähigkeit und Bereitschaft zur Selbstkorrektur.
Internationale Kooperationen als Deeskalationsinstrument: Wissenschaftliche Kontakte sind in Konflikten oft die letzten funktionierenden Kanäle (z. B. zu Russland oder China). Ein pauschaler Abbruch von Kooperationen gefährdet Lösungsräume für globale Krisen (Klimawandel, KI, nukleare Bedrohung).
Gefahr der Unterwanderung: Wissenschaftliche Organisationen (wie die VDW) müssen sich vor Interessengruppen schützen, die ihre Glaubwürdigkeit für politische Ziele instrumentalisieren wollen.
Vertreten durch: Hartmut Graßl
Stellungnahme als wissenschaftliche Pflicht: Wissenschaftler:innen müssen wesentliche neue Befunde (z. B. zum Klimawandel) öffentlich und gegenüber der Politik kommunizieren – idealerweise als geschlossene Gruppe, um Wirkung zu entfalten.
Historisches Beispiel Klimaforschung: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft veröffentlichte 1986 ein Memorandum zur menschengemachten Klimaänderung, das zunächst aus politischen Gründen zurückgehalten wurde. Erst durch eine Bundesratsinitiative (1987) wurde das Thema auf die politische Agenda gesetzt.
Wissenschaftsfreiheit als Grundlage für Wohlstand: Demokratische Länder profitieren langfristig von offener Wissenschaft und dem freien Austausch von Erkenntnissen. Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit gefährden diesen Wohlstand.
Geopolitische Bedrohungen: Aktuelle Konflikte (z. B. Ukraine-Krieg) führen zu Einschränkungen internationaler Kooperationen (z. B. Abbruch von Arktisforschung mit Russland). Dies schwächt die globale Wissenschaftsgemeinschaft.
Vertreten durch: Heike Bartholomäus (indirekt auch Alexandra Retkowski)
Forschungssicherheit vs. Wissenschaftsfreiheit: Sicherheitsinteressen (z. B. Dual-Use-Regulierung, Exportkontrollen) führen zu stillschweigenden Verschiebungen im Verständnis von Wissenschaftsfreiheit:
Konformitätsdruck in sensiblen Themenfeldern: Eine Umfrage der FU Berlin ergab, dass 79 % der Wissenschaftler:innen die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland positiv bewerten, gleichzeitig berichten viele von:
Individuelle Verantwortung und wissenschaftliche Haltung: Alexandra Retkowski (per Videobotschaft) betonte die persönliche Reflexionsfähigkeit von Wissenschaftler:innen. Hochschulen müssen Räume für Dissens schaffen, in denen Spannungen zwischen Neutralität und politischer Wirkung ausgehalten werden können.
Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte herrschte Konsens in folgenden Punkten:
Folgende Punkte blieben ungeklärt oder wurden kontrovers diskutiert:
Wer entscheidet über die Grenze zwischen Verantwortung und Vereinnahmung?
Wie kann Selbstzensur verhindert werden?
Praktische Umsetzung von Forschungssicherheit:
Umgang mit geopolitischen Konflikten:
Rolle der Wissenschaft in der Öffentlichkeit:
Die Diskussion zeigte, dass das Spannungsfeld zwischen Freiheit, Verantwortung und Vereinnahmung kein theoretisches Problem, sondern eine alltägliche Herausforderung für Wissenschaftler:innen und Hochschulen ist. Als vorläufige Ergebnisse lassen sich festhalten:
Quellen:
Die Grenze verläuft beim Übergang vom fachlichen Befund zur konkreten politischen Forderung. Da es keine externe verbindliche Instanz gibt, entscheidet die wissenschaftliche Gemeinschaft selbst durch Transparenz, Offenlegung von Methoden und die Bereitschaft zur Selbstkorrektur.
Jahrzehntelange Kooperationen (z. B. mit Russland) wurden abrupt beendet und Partnerschaften werden heute systematisch auf Sicherheitsrisiken geprüft. Zudem erhalten Themen der Grundlagenforschung (z. B. KI oder Quantentechnologie) plötzlich eine hohe militärische Relevanz (Dual-Use).
Die Einschränkungen erschweren die Arbeit massiv, da globale Krisen nur international lösbar sind. Wissenschaftliche Kontakte sind oft die letzten funktionierenden Kanäle zur Deeskalation und zum Brückenbau in Konfliktsituationen.
Ja, Wissenschaft muss gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik Stellung zu wesentlichen neuen wissenschaftlichen Befunden beziehen, idealerweise als geschlossene Gruppe, um Wirkung zu entfalten.
mindmap
root)Wissenschaft im Stresstest: Freiheit, Vereinnahmung, Verantwortung(
["Wissenschaftsfreiheit vs. Verantwortung"]
["Wissenschaft ist nie unpolitisch"]
["Grenzen zwischen Befunden und Forderungen"]
["Transparenz & Selbstkritik als Mechanismen"]
["Internationale Kooperationen"]
["Wichtige Kanäle in Krisen"]
["Risiken durch Dual-Use & Sicherheit"]
["Gefahr von pauschalen Ausschlüssen"]
["Geopolitische Spannungen"]
["Einschränkungen durch Konflikte"]
["Forschungssicherheit vs. Offenheit"]
["Selbstzensur durch Konformitätsdruck"]
["Rolle der Hochschulen"]
["Räume für Dissens schaffen"]
["Reflexionsformate etablieren"]
["Due Diligence in Kooperationen"]
["Handlungsempfehlungen"]
["Wissenschaftsfreiheit aktiv schützen"]
["Evidenzbasierte Politik fördern"]
["Diplomatische Kanäle erhalten"]