Kontext
Die Keynote von Amrei Bahr thematisiert die akute Bedrohung der Demokratie und deren direkte Auswirkungen auf die Wissenschaft. Angesichts zunehmender antidemokratischer Tendenzen stellt sich die Frage, wie die Wissenschaftscommunity ihrer Verantwortung gerecht werden kann. Bahr argumentiert, dass Wissenschaft und Demokratie wechselseitig aufeinander angewiesen sind: Ohne Demokratie gibt es keine freie Wissenschaft, und ohne freie Wissenschaft verliert die Demokratie ein zentrales Korrektiv. Die Session gibt konkrete Impulse, wie Wissenschaftler:innen Haltung zeigen und demokratische Strukturen schützen können.
Kernaussagen
1. Dringlichkeit des Handelns: Demokratie und Wissenschaft in Gefahr
- Die Demokratie ist akut bedroht, was unmittelbare Konsequenzen für die Wissenschaftsfreiheit hat.
- Wissenschaftsfreiheit umfasst die freie Wahl von Themen und Methoden nach wissenschaftlichen Kriterien sowie die Freiheit von Diskriminierung.
- Demokratie ermöglicht erst die Rahmenbedingungen für evidenzbasierte Politik und unabhängige Forschung.
- Das Ende der Demokratie würde das Ende der freien Wissenschaft bedeuten – und umgekehrt.
2. Kritik an der „Neutralitätsforderung“
- Die Forderung nach Neutralität wird oft instrumentalisiert, um politische Agenden durchzusetzen.
- Es gibt keine Pflicht zur Neutralität gegenüber der Demokratie; im Gegenteil: Wissenschaftler:innen sind verpflichtet, sich für deren Schutz einzusetzen.
- Neutralitätsargumente dienen häufig dazu, Wissenschaftler:innen davon abzuhalten, sich öffentlich zu positionieren.
3. Verantwortung in der öffentlichen Kommunikation: Grenzen des Sagbaren nicht verschieben
- Antidemokratische Akteur:innen verfolgen die Strategie, die „Grenzen des Sagbaren“ schrittweise zu verschieben (z. B. durch Normalisierung problematischer Begriffe wie „Remigration“).
- Wissenschaftliche Diskurse folgen eigenen Regeln (z. B. Annahme von Thesen for the sake of the argument), die in der Öffentlichkeit missverstanden werden können.
- Die bloße Erwähnung antidemokratischer Thesen – selbst zur Widerlegung – kann diese legitimieren und normalisieren.
- Empfehlung: In der Wissenschaftskommunikation bewusst abwägen, welche Themen öffentlich diskutiert werden.
4. Schutz wissenschaftlicher Diskursräume
- Wissenschaftliche Räume (z. B. Universitäten, Konferenzen) sollten nicht für Akteur:innen geöffnet werden, die deren Grundlagen zerstören wollen.
- Antidemokratische Akteur:innen halten sich nicht an die Regeln redlicher wissenschaftlicher Diskurse (z. B. Ablenkungsmanöver, Provokationen).
- Beispiel: Eine defensive Reaktion auf Forderungen der AfD nach „Innovation und Wohlstand“ als Rechtfertigung für Wissenschaft konterkariert deren Freiheit.
- Empfehlung: Klare Abgrenzung statt scheinbarer Dialogbereitschaft mit Akteur:innen, die Wissenschaft instrumentalisieren wollen.
5. Strukturelle Bedingungen für Wissenschaftsfreiheit verbessern
- Wissenschaftsfreiheit ist in der Praxis noch nicht vollständig realisiert und wird durch politische Steuerung gefährdet:
- Finanzielle Abhängigkeiten: Drittmittelförderung und fragwürdige Anreizstrukturen (z. B. Quantifizierung von Forschung) führen zu politischer Einflussnahme.
- Beispiel: Kürzungsdebatten in der Hochschulfinanzierung schwächen das System.
- Prekäre Beschäftigungsverhältnisse: Befristete Verträge erzeugen Existenzängste und Anpassungsdruck, der Wissenschaftler:innen davon abhält, Haltung zu zeigen.
- Befristete Stellen lassen sich leicht streichen, was das Wissenschaftssystem zusätzlich schwächt.
- Forderung: Nachhaltige Grundfinanzierung, faire Arbeitsbedingungen und Überarbeitung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes.
6. Besondere Verantwortung der Wissenschaftscommunity
- Wissenschaftler:innen verfügen über soziales Kapital, kommunikative Fähigkeiten und Reichweite, um demokratische Werte zu verteidigen.
- Diese Ressourcen verpflichten zu politischem Engagement – sei es in Lehrveranstaltungen, Medienauftritten oder öffentlichen Debatten.
- Empfehlung: Gelegenheiten nutzen, um die Bedeutung der Demokratie für Wissenschaft und Gesellschaft zu betonen.
Fazit
Die Wissenschaftscommunity steht in der Pflicht, aktiv für den Schutz der Demokratie einzutreten. Konkrete Handlungsempfehlungen umfassen:
- Haltung zeigen: Demokratie als Grundlage für freie Wissenschaft öffentlich verteidigen.
- Kommunikation reflektieren: Die Normalisierung antidemokratischer Thesen durch unkritische Diskussion vermeiden.
- Diskursräume schützen: Wissenschaftliche Räume nicht für Akteur:innen öffnen, die deren Zerstörung anstreben.
- Strukturelle Reformen einfordern: Wissenschaftsfreiheit durch nachhaltige Finanzierung, faire Arbeitsbedingungen und unabhängige Forschung stärken.
- Verantwortung wahrnehmen: Die eigenen kommunikativen Ressourcen gezielt für demokratische Werte einsetzen.
Bahrs Appell lautet: „Wo immer Sie können: Zeigen Sie Haltung für unsere Demokratie!“