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Offenheit als Commons: Open Access ohne Plattformkapitalismus

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🚨 Fringe Die Session bricht mit der Vorstellung, Open Access sei ein rein technisches Problem des Zugangs, und entlarvt es stattdessen als Instrument des Plattformkapitalismus, bei dem die Befreiung des Lesens die finanzielle Abhängigkeit der Autor:innen verschärft. Besonders provokant ist die These, dass echte Offenheit nicht durch neue Lizenzen, sondern nur durch die radikale soziale Organisation von Wissenschaft als Gemeingut (Commons) erreicht werden kann.

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Zusammenfassung

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Kontext

Der Vortrag von Deborah Sielert thematisiert die Ambivalenzen des Open-Access-Publikationssystems, das ursprünglich als Lösung für den freien Zugang zu Forschungsergebnissen gedacht war. Statt echter Offenheit dominieren jedoch kommerzielle Interessen: Verlage nutzen Publikationsgebühren (APCs), proprietäre Infrastrukturen und Datentracking, was marginalisierte Forschende benachteiligt und eine kollaborative Wissenschaftskultur untergräbt. Der Vortrag stellt Alternativen vor, die auf gemeinschaftlicher Verantwortung und nicht-kommerziellen Modellen basieren, und diskutiert Handlungsoptionen für verschiedene Akteur:innen im Wissenschaftssystem.


Kernaussagen

1. Open Access als Commons: Soziale, ökonomische und politische Dimension

  • Open Access darf nicht auf technische Zugänglichkeit reduziert werden, sondern muss als Gemeingut (Commons) organisiert sein.
    • Commons erfordern kollektive Verantwortung für Herstellung, Pflege und Nutzung (Ostrom/Hess 2006).
    • Aktuell dominiert ein objektorientiertes Verständnis von Offenheit (Ressource als frei zugängliches Gut), das soziale Beziehungen und unbezahlte Arbeit (z. B. Peer Review) ignoriert.
  • Zitate verdeutlichen das Spannungsfeld:
    • UNESCO (2016): Wissen als globales Gemeingut, an dem alle teilhaben.
    • Deutscher Gesetzgeber (2013): Wissen als Wettbewerbsressource im globalen Markt.

2. Kommerzialisierung und Plattformkapitalismus

  • Geschäftsmodell der Verlage: Open Access wird durch APCs (Article Processing Charges) profitabel – öffentliche Forschungsgelder fließen in private Gewinne.
    • Beispiel: Großverlage wie Elsevier oder Springer erzielen höhere Gewinnmargen als andere Tech-Konzerne.
  • Plattformisierung: Verlage kontrollieren nicht nur Publikationen, sondern die gesamte Forschungsinfrastruktur (Datenanalyse, Archivierung, Metriken).
    • Beispiel: Elsevier-Tochter Relx Group bietet Services von Mendeley bis ScienceDirect an und sammelt Nutzungsdaten.
    • Folge: Wissenschaft wird zum proprietären Markt, der Konkurrenz statt Kooperation fördert.

3. Probleme des aktuellen Systems

  • Finanzielle Barrieren: APCs benachteiligen Forschende ohne ausreichende Budgets (z. B. aus dem Globalen Süden).
  • Proprietäre Infrastrukturen: Technische Systeme (z. B. Publikationsplattformen) sind privatisiert, was langfristige Zugänglichkeit gefährdet.
  • Reputationslogiken: Der Journal Impact Factor (ursprünglich für Bibliotheken entwickelt) prägt Karrierechancen und lenkt Publikationen in kommerzielle Journals.
  • Unsichtbare Arbeit: Kollektives Engagement (Peer Review, Editing) wird nicht anerkannt oder bezahlt.

4. Praktikable Alternativen

  • Diamond Open Access: Zeitschriften ohne APCs für Autor:innen und Lesende, finanziert durch Institutionen oder Konsortien.
    • Beispiele:
      • Forum Qualitative Sozialforschung (konsortial finanziert).
      • Glossa (von Editor:innen gegründet, die Elsevier verließen).
      • Open Book Collective (unterstützt kleine Verlage bei Metadaten und Sichtbarkeit).
  • Institutionelle Repositorien: Nicht-kommerzielle Datenbanken für Preprints oder Zweitveröffentlichungen.
    • Beispiele:
      • arXiv (Physik, ehemals mit Cornell University verbunden).
      • TIB-Repositorium (technische/naturwissenschaftliche Fächer).
      • Open Research Europe (Publikationsplattform mit offenem Peer Review).
  • Alternative Bewertungsmodelle:
    • Coalition for Advancing Research Assessment (CoARA): Fördert bibliodiverse Kriterien jenseits von Impact Factors.
    • Beispiel: Universität Utrecht verzichtet auf Rankings und bewertet Kollaboration statt Drittmittelstärke.

5. Verantwortung und Kulturwandel

  • Technische Alternativen existieren, scheitern aber oft an kulturellen Praktiken (z. B. Reputationslogiken).
  • Handlungsoptionen für Akteur:innen:
    • Studierende: Kritisches Hinterfragen von Lehrmaterialien (z. B. "Wie entstanden die Texte im Syllabus?").
    • Lehrende: Nutzung von Open-Access-Materialien und Integration von Informationskompetenzschulungen.
    • Forschende:
      • Publikation in wissenschaftsgeleiteten Zeitschriften ohne APCs (z. B. Diamond OA).
      • Sichtbarmachung von Kollaborationen in Forschungsoutputs.
      • Engagement in Fachgesellschaften für Debatten über Publikationskultur.
    • Supporteinrichtungen (Bibliotheken, Verwaltung):
      • Dokumentation unbezahlter Arbeit (Peer Review, Editing) als Grundlage für Anerkennungspraxen.
      • Schulungen zur Nutzung institutioneller Repositorien.

Fazit

Open Access als Commons erfordert einen Paradigmenwechsel: weg von der Marktlogik hin zu gemeinschaftlich organisierter Wissenschaft. Während technische Alternativen (Repositorien, Diamond OA) bereits existieren, liegt die größte Hürde im kulturellen Wandel. Alle Akteur:innen – von Studierenden bis zu etablierten Forschenden – können durch bewusste Entscheidungen (z. B. Publikationswege, Lehrmaterialien) und kollektives Engagement zur Transformation beitragen. Der Vortrag plädiert dafür, Offenheit nicht als Ressource, sondern als soziales Unterfangen zu begreifen, das auf Kooperation, Transparenz und gemeinsamer Verantwortung basiert.

Fragen & Antworten

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Sollte man die Gedanken zum Kulturwandel damit verbinden, dass es irgendwann nicht mehr tragbar ist, bei kommerziellen Großverlagen wie Elsevier zu publizieren?

Die Referentin hält Verbindungen für möglich, betont jedoch, dass es primär ein soziales und kulturelles Problem ist. Sie plädiert dafür, Forschende über die Organisation des Publikationssystems aufzuklären, um sie zu bewussteren Entscheidungen zu befähigen.

Gibt es ein Verzeichnis von Diamond Open Access Journals?

Die Referentin empfiehlt, die Suche im DOAJ (Directory of Open Access Journals) zu beginnen, da dies ein guter Startpunkt ist, um entsprechende Zeitschriften zu finden.

Diagramm

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      ["Kritische Reflexion der Publikationskultur"]